Rein wie Engel, Arrogant wie Teufel – ein Schisma und mein Weg hinaus aus der Priesterbruderschaft Pius X.

Rein wie Engel. Arrogant wie Luzifer. Eigensinnig wie Dämonen. So lautete das Urteil des damaligen Erzbischofs von Paris über die Lebensführung der Ordensschwestern eines anscheinend vom Jansenismus geprägten Klosters des 17. Jahrhunderts. Ob sein Urteil zutraf, kann ich nicht beurteilen. Mir fiel dieses Zitat jedoch ein, als ich am 1. Juli von der Priesterbruderschaft Pius […]

von | 5. Juli 2026

Rein wie Engel. Arrogant wie Luzifer. Eigensinnig wie Dämonen. So lautete das Urteil des damaligen Erzbischofs von Paris über die Lebensführung der Ordensschwestern eines anscheinend vom Jansenismus geprägten Klosters des 17. Jahrhunderts.

Ob sein Urteil zutraf, kann ich nicht beurteilen. Mir fiel dieses Zitat jedoch ein, als ich am 1. Juli von der Priesterbruderschaft Pius X. (FSSPX –Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii Decimi, oder einfach „Piusbrüder“) verursachte Schisma dachte. Nicht, dass alle Anhänger der Piusbrüder oder sie selbst arrogant oder eigensinnig sind. Im Gegenteil, ich glaube, viele sind guten Willens und wollen nur das Beste für die Kirche. Und viele von ihnen sind skandalisiert, enttäuscht, frustriert.

Der Notstand

Es ist 1988. Erzbischof Marcel Lefebvre, der Gründer der Piusbrüder, weiht im Juni 1988 vier Priester der Gemeinschaft zu Bischöfen. Ohne päpstliche Erlaubnis. Durch diese Handlung wurden Lefebvre und ebenso die von ihm geweihten Bischöfe exkommuniziert. Die Piusbrüder behaupten, dies sei angesichts des kirchlichen Notstands unverzichtbar gewesen.

Kurz zuvor hatte ich bei mir zu Hause im kanadischen Westen meinen 17. Geburtstag gefeiert. Das zehn Meter hohe Relief in unserer Pfarrkirche zeigte eine nackte Muttergottes. Unsere Gemeinde finanzierte treu die Sandinisten (damals die an die Macht gekommenen kommunistischen Rebellen) in Nicaragua. Bei einer Pfarrmission brachte die Frage eines Gläubigen, wie ein Pfarrer wohl verneinen könne, dass Jesus Christus Gott sei, die schroffe Antwort des Pfarrers: „Ach, das ist doch nur ein Dogma der Kirche.“ Für die Messfeier wurden Honig-Hefebrote gebacken, was diese jedoch ungültig machte. Aber wo war denn das Problem, wenn doch in anderen Pfarren die Eucharistie mit Hot Dogs und Coca-Cola gefeiert wurde? Immerhin unternahm unser Pfarrer zumindest Ministrantenausflüge mit den Mädchen nach Las Vegas. Kurz darauf heiratete er. Oh, habe ich schon die Rock-’n‘-Roll-Messen erwähnt? Jeden Sonntag fuhren wir bis zu zwei Stunden in eine Richtung, um einen Gottesdienst und einen Priester zu finden, dem wir guten Gewissens folgen konnten (kanadische Distanzen sind eben etwas größer:)) … nur um in der folgenden Woche in die entgegengesetzte Richtung zu fahren.

Auch wenn es inmitten dieses Wahnsinns immer wieder Hoffnungszeichen gab, waren die Gottesdienste der Piusbrüder eine Wohltat für jemanden, der seine geistige Gesundheit schätzte. Die Ansprüche der Besucher waren nicht hoch. Eine gültige Messe wäre schon mal ein Anfang gewesen. Bei den Piusbrüdern verspürte man zumindest keinen unüberwindbaren Drang, während der Predigt hinauslaufen zu müssen oder draußen vor der Tür eine Zigarette zu rauchen. Die Messen wurden sogar schön und würdevoll gefeiert. Ich verstand, warum meine Eltern irgendwann bei den Piusbrüdern landeten. Mom und Dad hatten zwei Zentren für Frauen in Konfliktsituationen gegründet und geleitet. Es schien, als würden diese Bemühungen –ebenso wie der Versuch, in unserer kanadischen Heimat eine Gesetzesregelung zu verhindern, die Abtreibung bis zum neunten Monat erlaubte – von den Bischöfen selbst torpediert. Und das im Namen der Deklaration Dignitatis Humanae (über die Religionsfreiheit) des Zweiten Vatikanums. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Von da an gingen sie regelmäßig zu den Piusbrüdern. Aber nicht, weil sie die Kirche hassten oder arrogante Fanatiker waren. Sondern weil sie die Kirche liebten.

Theologie bei den Piusbrüdern

Etwas später war ich selbst so weit. Ich besuchte drei Jahre lang das Priesterseminar der FSSPX in den USA. Ich war fasziniert davon, wie sie argumentierten, wie ihre Erzählungen Sinn zu ergeben schienen.

Das Studium hätte eigentlich schon das erste Warnzeichen für mich sein sollen. Die Theologie endete bei ihnen in den 1950er Jahren. Alle Lehrbücher, die wir studierten, waren vor dem Zweiten Vatikanum verfasst worden. Sie waren keine schlechten Bücher. Nur alt. Erst durch mein dortiges Studium der Fundamentaltheologie begann ich zu hinterfragen, ob das, was wir praktizierten und sagten, noch als katholisch bezeichnet werden konnte. Und doch.

Ich glaube, viele Menschen sind damals aus ähnlichen Gründen wie ich zur FSSPX gekommen. Je nachdem, wo man heute auf der Welt lebt, mag es sein, dass hier und dort noch manche Menschen aus ähnlichen Motiven zu ihnen finden. Objektiv betrachtet trifft das jedoch sicherlich nicht auf Orte wie das heutige Wien zu. Während man in Kanada wenigstens 100 Kilometer fahren musste, um einer Ortsmesse zu entfliehen und eine andere zu finden, habe ich heute in Wien etwa 100 Sonntagsmessen innerhalb einer halben Stunde Gehzeit von meinem Schreibtisch aus. Vielleicht werden nicht alle perfekt gefeiert und man könnte sich mehr Andacht seitens der Priester sowie weniger oberflächliche Predigten wünschen. Doch „Coca-Cola-Messen“ muss man schon hart suchen, um eine zu finden … geschweige denn von einem kanonischen Notstand zu sprechen (eine Extremsituation, die objektiv eine Gefahr für Leib und Seele sowie die physische Unmöglichkeit voraussetzt, einen regulären Priester zu finden, und bei der Gesetze ausgesetzt werden können, um Sakramente zu spenden).

Ich vermute, dass in unserer Stadt die meisten Menschen – vor allem junge – bei der FSSPX landen, weil sie von der schönen Liturgie angezogen werden. Sie besuchen dort eine hl. Messe, gehen dann zurück zu den Petrusbrüdern (der Teil der Piusbrüder, der sich nach der Weihe von 1988 an die damals vom Papst angebotenen Bedingungen gehalten hat und unter anderem weiterhin die „Alte Messe“ innerhalb der Kirche feiert) und schließlich zur Abendmesse im Dom. Für sie geht es meist nicht um etwas anderes als die Sehnsucht, eine Messe mitzufeiern, die sie anzieht, wo sie sich aufgehoben fühlen, hoffentlich eine gute Predigt hören, Gleichgesinnte kennenlernen und vielleicht auch zur Beichte gehen können. Das ist aber nicht bei allen der alleinige Grund. Teilweise zieht die Metanarrative der Piusbrüder immer noch. Eine Erzählung, die besagt:


1. Der Notstand bestehe tatsächlich, und zwar nicht nur 1988, sondern auch noch heute, im Jahr 2026. Und
2. Dieser Notstand rechtfertige das gesamte Unterfangen der „Piusbrüder“, inklusive der Bischofsweihen ohne päpstliche Erlaubnis.

Und genau bei dieser Metanarrative liegt der Fehler … oder vielleicht sollte man sagen der Kern des Problems. Vielleicht nicht bei den einzelnen Anhängern, wohl aber im Gedankengebäude.

Protestantisierung

Das Kirchenrecht ist eindeutig: Es gibt nur fünf Tatbestände, die automatisch eine Exkommunikation nach sich ziehen und deren Aufhebung kirchenrechtlich ausschließlich dem Papst vorbehalten ist. Diese kann nur von ihm selbst erfolgen und nicht, wie bei manchen anderen Vergehen, einfach durch einen Bischof. Die Weihe von Bischöfen ohne päpstliche Erlaubnis ist einer dieser Tatbestände. Dies ist von großer Bedeutung für die Einheit der Kirche, da sie in der Praxis die Ablehnung des päpstlichen Primats bedeutet und damit den (Selbst)Ausschluss aus dem, was es heißt, katholisch zu sein. Das daraus resultierende Schisma hat für die Gläubigen schwerwiegende Konsequenzen.

Es wird versucht, vom Kirchenrecht her zu argumentieren, warum dieses in diesem Fall nicht angewendet werden sollte. In einem kirchenrechtlichen Verfahren könnte ein Tatbestand, der auf Diözesanebene stattgefunden hat, nach Rom weitergeleitet werden. Aber ein weiterer Appell nach oben ist in der katholischen Kirche nicht möglich. Und das ist das Absurde an der Sache der Piusbrüder: Da sie nicht weiter appellieren können, greifen sie, um ihr Verhalten zu rechtfertigen, erneut auf ihre eigene private Auslegung des Kirchenrechts zurück…und wagen es noch, die Protestantisierung der Kirche als Begründung für ihr Verhalten anzuführen.

Das Problem liegt jedoch tiefer. Ich halte es für richtig, dass der Vatikan diesmal so klar gesprochen hat. Die automatische Exkommunikation betrifft die beiden weihenden Bischöfe sowie die vier Priester, die zu Bischöfen geweiht wurden. Zudem befinden sich die Geistlichen, die der Priesterbruderschaft angehören, im Schisma, gelten somit als Schismatiker und unterliegen daher der im Kirchenrecht vorgesehenen Exkommunikation. Als Schismatiker und Exkommunizierte gelten auch alle Laiengläubigen, die sich formell der Priesterbruderschaft anschließen. Die von den Priestern der FSSPX geschlossenen Ehen sowie deren Beichten sind nicht nur rechtswidrig, sondern auch ungültig. Da sich dieser schwer fassbare Fall ständig zu entziehen versucht, will ich noch eine weitere Perspektive einbringen. Es geht nämlich nicht nur um Kirchendisziplin. Sondern auch um den Glauben selbst. Und zwar nicht am Rand, sondern im Kern des Glaubens.

Das dogmatische Problem

Einer der Grundpfeiler der katholischen Kirche besteht darin, dass sie katholisch ist. Das bedeutet allumfassend. Dieser Begriff ist jedoch nicht nur räumlich zu verstehen. Ihre Berufung ist katholisch, universal: „Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“ (Mt 28,19). Katholisch umfasst nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit. „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Das in ihr wohnende Geheimnis ist nicht nur ewig, sondern auch zeitlich. Der Auferstandene wirkt in der Kirche nicht nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, an dem sie ihren Weg verloren haben soll. Er wirkt zu jeder Zeit und in jeder Epoche.

Wenn du in der Zeit zurückgehen willst, zu dem Punkt, an dem die Kirche perfekt war, dort eine Linie ziehst und alles danach als abgefallen betrachtest, dann bist du wieder bei Luther, vielleicht bei Calvin oder Zwingli gelandet. Wenn du eine Grenze auf der Zeitschiene ziehst und sagst, ab diesem Moment sei die Kirche nicht mehr katholisch gewesen, hörst du selbst auf, katholisch zu sein.

Hierin liegt die Problematik. Als die FSSPX für manche aus ihren Reihen nicht radikal genug war, gründeten einige von ihnen in den 1980er Jahren die Priesterbruderschaft Pius V. Warum? Weil sie die Zeitlinie bei Pius XII. zogen, die Priesterbruderschaft Pius X. hingegen beim Messbuch von Johannes XXIII. Letzteres konnten die Priesterbruderschaft Pius V. nicht annehmen, da im Messkanon (eucharistisches Hochgebet) der Name des heiligen Joseph hinzugefügt worden war … das galt bereits als Beginn des Niedergangs. Außerdem taten sie sich schwer mit Fragen rund um Nichtigkeitserklärungen von Ehen, erkannten keinen Papst nach Pius XII. als legitim an und wurden so zu Sedevakantisten (der Behauptung, der Stuhl Petri sei leer). Etwa die Hälfte von ihnen spaltete sich später erneut ab und gründete die Gruppe „Catholic Restauration“. Einige Priester gründeten unabhängige Messzentren und ein paar wurden von einem exkommunizierten Bischof aus Vietnam geweiht. Die Verneinung der Zeitlichkeit der Katholizität führt unweigerlich zu derselben Zersplitterung und zum gleichen Problem, egal, ob dies protestantische oder traditionalistische Ausprägung annimmt.

Unzerstörbarkeit

Unter dem Dogma der „Unzerstörbarkeit (Indefektibilität) der Kirche“ versteht man die göttliche Verheißung, dass die Kirche bis zum Ende der Welt in der Wahrheit ihres göttlichen Meisters bewahrt bleibt und sich ihrem Wesen nach nicht verändert: „… auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Die Piusbrüder verneinen dieses Dogma jedoch sowohl in der Praxis als auch in der Theorie.

In seinem Interview vom 2. Februar behauptete Don Davide Pagliarini (Generaloberer der FSSPX), „In einer gewöhnlichen Pfarrei finden die Gläubigen nicht mehr die notwendigen Mittel, um ihr ewiges Heil zu sichern. Darin besteht der Notstand.“ Diese Aussage ist nicht nur absurd und grob falsch, sondern auch mit der katholischen Lehre unvereinbar. Sie ist grob falsch, weil sie nicht nur auf ähnliche missbräuchliche Situationen hinweist, wie jene, die ich zu Beginn erwähnt habe, sondern von der Prämisse ausgeht, dass grundsätzlich, von Prinzip her, die Messfeier in ihrer neuen Form seit der Liturgiereform von 1969 diese notwendigen Heilsmittel nicht mehr vermittelt. Dabei wird die gesamte sakramentale Ordnung in ihrer heutigen Form in eine Wolke des Misstrauens gehüllt. Zudem werden der Katechismus der katholischen Kirche sowie das seit 1983 geltende Kirchenrecht als problematisch dargestellt.

Die Kirche ruht auf bestimmten Fundamenten. Das Wort des Herrn „die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18) hat eine praktische Auswirkung auf die Kirche. Es gibt Bereiche ihres Wesens, und wenn sie hier fehlgeht, dann hätten die Pforten der Unterwelt sie überwältigt. Welche Bereiche und Fundamente der Kirche sind das? Ich möchte hier folgende Aspekte betrachten: sakramentale Ordnung, Glaubenslehre, Apostolizität.

Sakramentale Ordnung und Apostolizität

Zum einen geht es um die sakramentale Ordnung. Wenn sich die Sakramente im Laufe der Geschichte so verändert haben, dass sie ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr gültig sind, nicht mehr zum Herrn hinführen oder mit ihm verbinden, sondern von ihm wegführen … dann hätten die Pforten der Unterwelt die Kirche überwältigt. In diesem Fall würde das zuvor erwähnte Prinzip der Katholizität nicht mehr gelten.

Die Priesterweihe wird einmal gespendet. Nur einmal. Sie zu wiederholen wäre im katholischen Verständnis eine schwerwiegende Sünde. Persönlich kannte ich Priester, die von den Piusbrüdern erneut geweiht wurden. Ein Fall war für mich besonders schockierend.

Diesen Priester habe ich persönlich kennengelernt. Seitens der FSSPX gab es schwerwiegende Zweifel an der Gültigkeit seiner Priesterweihe. Warum? Weil sein Weihespender ein „Modernist“ sein soll (unter „Modernismus“ versteht man nicht „Modernität“, sondern eine vom heiligen Pius X. zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seiner Enzyklika Pascendi Dominici gregis verurteilte Lehre). Es wurde angezweifelt, ob das Sakramentenverständnis des Weihespenders mit der katholischen Lehre in Einklang steht. Der Name des Weihespenders? Papst Johannes Paul II. Uff. Das ist haarsträubend. Nicht nur, weil es unsinnig ist, Johannes Paul II. den Beinamen „Modernist“ anzuhängen – wie etwa in seiner Enzyklika Fides et Ratio deutlich wird –, sondern auch, weil dies enorme Konsequenzen hätte, die sich in keiner Weise mit dem Dogma von der Unzerstörberkeit der Kirche vereinbaren ließen.

Papst Johannes Paul II. hat nicht nur Priester, sondern auch zahlreiche Bischöfe (insgesamt 321) geweiht. Viele von ihnen wurden Kardinäle, die später einen Papst gewählt haben. Wenn seine Priester- und Bischofsweihen also nicht gültig gewesen wären, dann wäre es fraglich, ob in großen Teilen der Kirche noch von wirklicher apostolischer Sukzession die Rede sein kann. (Dabei geht es um das Prinzip der Apostolizität: Die Kirche hält daran fest, dass jeder Bischof durch eine ununterbrochene Kette von Bischofsweihen bis zu einem Apostel zurückzuführen ist.) Zudem wäre dann zweifelhaft, ob der gegenwärtige Papst rechtmäßig ist und ob es überhaupt möglich wäre, einen legitimen Papst zu wählen. Alle Beichten, Messen sowie weitere Weihen von Priestern und Bischöfen, die diese Personen gefeiert haben, wären in der Folge ungültig, sprich, sie hätten überhaupt nicht stattgefunden.

Doch die Argumentation geht noch weiter. Laut den Büchern der Fundamentaltheologie, die die Piusbrüder selbst in ihren Seminaren studieren, gehört die Heiligsprechung zu den unfehlbaren Akten eines Papstes. Warum? Weil die Gläubigen sonst angehalten sein könnten, zu jemanden zu beten, der nicht im Himmelreich, sondern im Höllenreich zu finden ist. Jetzt müssten die Piusbrüder einerseits behaupten, dass die Heiligsprechung von Johannes Paul II. ein unfehlbarer Akt der Kirche war, und andererseits in Zweifel ziehen, ob er überhaupt gültige Sakramente gefeiert hat. Wie ein mexikanisches Sprichwort lautet: Du kannst nicht gleichzeitig pfeifen und Pinole (gerösteten Mais) essen.

Kehren wir zurück zu den Sakramenten.

Nehmen wir die Firmung als weiteres Beispiel. In meinen Seminarjahren bei den Piusbrüdern wurde ich von einem ihrer Bischöfe erneut gefirmt, weil nicht sichergestellt werden konnte, ob bei meiner „ersten“ Firmung Olivenöl oder irgendein anderes Öl verwendet wurde. (Der neue Ritus bevorzugt zwar Olivenöl, doch es kann auch ein anderes Öl verwendet werden. Die Piusbrüder hegen den Zweifel, ob durch die Verwendung von „Nicht-Olivenöl“ die Gültigkeit des Sakraments beeinträchtigt wird.)

Ein wesentlicher Punkt ist das Sakrament der Eucharistie und die Messfeier. Ich erinnere mich an die Frage einer Frau an Bischof Bernhard Fellay (einen der kürzlich exkommunizierten Bischöfe). Ich saß direkt neben ihr. Die Frage lautete, ob man zur „Novus-Ordo-Messe“ (dem katholischen Gottesdienst, wie er mit der Liturgiereform von 1969, also nach dem Zweiten Vatikanum, gefeiert wird und der im Großteil der westlichen Welt, auch hier in Wien, üblich ist) gehen könne, vor allem dann, wenn vor Ort keine „Alte Messe“ angeboten wird. (Die „Alte Messe“ oder „tridentinische Messe“ wurde 1570 eingeführt, als direkte Umsetzung der Beschlüsse des Konzils von Trient, um die Liturgie im lateinischen Ritus, der den meisten Katholiken in der westlichen Welt vertraut ist, zu vereinheitlichen. Die Ostkirchen waren von dieser Reform nicht betroffen.) Daraufhin meinte Bischof Fellay, die neue Messe sei zwar gültig, aber gefährlich für den Glauben beziehungsweise führe zu dessen Erosion, und riet davon ab, sie zu besuchen. Dies entspricht exakt der offiziellen Haltung der FSSPX.

Im bereits erwähnten Interview behauptet Don Davide Pagliarini fast 40 Jahre später dasselbe wie Bischof Fellay damals: „Doch man täusche sich nicht: Die einzige Liturgie, welche die traditionelle Auffassung von Kirche, christlichem Leben und katholischem Priestertum in angemessener, unveränderlicher und nicht evolutiver Weise zum Ausdruck bringt, ist die Liturgie aller Zeiten“ (womit er die tridentinische oder „alte“ Messe meint). Er spricht von einer „intrinsischen Unfähigkeit“ des „Novus Ordo“, die „Seelen zu erbauen“. Und dann, wirklich drastisch: „Wie soll man dann noch verstehen, dass die Messe aller Zeiten der neuen Messe unversöhnlich gegenübersteht, dass sie die einzige wahre Liturgie der ganzen Kirche bleibt und dass niemand daran gehindert werden darf, sie zu feiern? Wie kann man erkennen, dass die Messe Pauls VI. (Novus Ordo nach 1969) nicht angenommen werden kann, weil sie eine erhebliche Abweichung von der katholischen Theologie der heiligen Messe darstellt, und dass niemand gezwungen werden kann, sie zu feiern? Und wie sollen die Seelen wirksam von dieser vergifteten Liturgie weggeführt werden, um aus den reinen Quellen der katholischen Liturgie zu schöpfen?“ (meine Betonung)

Diese Aussagen sind äußerst problematisch, um es milde auszudrücken. Und noch einmal: Nicht nur, weil sie schismatische Tendenzen fördern (keine Communio mit der Weltkirche, Abschottung), sondern auch, weil sie sich nicht mit der Lehre der Kirche vereinbaren lassen. Oder anders gesagt: Es geht nicht nur um Schisma, sondern auch um Häresie. Wenn die Sakramente nicht mehr gültig oder zwar gültig, aber „gefährlich“ sind, dann haben die Pforten der Unterwelt die Kirche überwunden.

Glaubenslehre

Ein weiteres Fundament der kirchlichen „Unzerstörbarkeit“ ist die Glaubenslehre. Die Piusbrüder erkennen den „neuen Katechismus“ sowie die unter Papst Johannes Paul II. verbreiteten Inhalte an – allerdings mit einigen Ausnahmen. Deshalb raten sie eher davon ab, ihn zu nutzen. Stattdessen versuchen sie, ihre Gläubigen dazu zu bewegen, den Katechismus des Konzils von Trient zu lesen. Dieser ist zwar 500 Jahre alt, aber deshalb keineswegs schlecht. Nur. Allerdings ist es schwer zu begründen, dass der gegenwärtige offizielle Katechismus der Katholischen Kirche im Licht der Unzerstörbarkeit der Glaubenslehre ein Problem für den Glauben darstellt.

Glaubwürdig?

Ich fürchte, auch wenn der Vatikan noch so klar Stellung bezieht, wird die Priesterbruderschaft weiterhin Gründe anführen, warum die Exkommunikation vom 1. Juli nicht gültig sei und sie nicht betreffe. Damit hatten sie bereits vor der Weihe begonnen.

In einem Brief an den Papst, den Don Davide Pagliarini wenige Tage vor der Weihe schrieb, fragt er, wie dieser denn die Bischofsweihe als schismatisch ansehen könne, wenn sie doch angeblich bereits 1988 exkommuniziert worden seien: „Ihre Heiligkeit ermahnt mich väterlich, ein Schisma zu vermeiden, das theoretisch bereits stattgefunden hätte.“ Sei das, ebenso wie die väterliche Fürsorge des Papstes für die FSSPX – so Don Pagliarini – nicht ein Zeichen dafür, dass der Papst die Piusbrüder im tiefsten Herzen doch nicht als Schismatiker sehe? Pagliarini fährt fort: „Meinen Sie nicht, dass diese Haltung selbst … gerade den Beweis dafür darstellt, dass die Bruderschaft weder schismatisch noch der Kirche feindlich gesinnt ist?“

Unfassbar. Weil schwer glaubwürdig. Der Verdacht auf Unredlichkeit lässt sich kaum ausräumen. Don Pagliarini wusste genau, dass das Schisma von 1988 durch Papst Benedikt in seinem Versuch, die FSSPX zurückzuführen, aufgehoben wurde. Das erwähnt er am Ende seines Interviews vom 2. Februar ausdrücklich. Daher musste ihm bewusst sein, dass es in seinem Brief an den Papst nicht um eine väterliche Ermahnung ging, „ein Schisma zu vermeiden, das theoretisch bereits stattgefunden hätte“, sondern darum, ein erneutes Schisma zu verhindern. Er musste genau wissen, dass der Grund für die eindringliche und väterliche Bitte des Papstes darin lag, dass er nicht schon wieder ein Schisma wünsche.

Das Problem des Kirchenrechts

Das Kirchenrecht ist eine Konsequenz der sakramentalen Ordnung der Kirche: Die sichtbare Ordnung wird dabei vom rechtmäßigen Gesetzgeber festgelegt. Das Kirchenrecht, wie es Papst Johannes Paul II. in den 1980er Jahren verkündete, ist laut der FSSPX zwar nicht für ungültig erklärt worden. Dennoch gebe es, ebenso wie im Katechismus der Katholischen Kirche, problematische Stellen. Deshalb halten sich die Piusbrüder vorwiegend an das Kirchenrecht von 1917.

Es ist bemerkenswert, dass die FSSPX sehr wohl das neue Kirchenrecht nutzt, wenn es darum geht, ihr gesamtes Handeln zu rechtfertigen: „Das Axiom suprema lex, salus animarum – das oberste Gesetz ist das Heil der Seelen – ist eine klassische Maxime der kanonischen Tradition, die ausdrücklich im letzten Kanon des Kodex von 1983 aufgegriffen wird. Im gegenwärtigen Notstand hängt von diesem übergeordneten Grundsatz letztlich die gesamte Rechtmäßigkeit unseres Apostolates und unserer Sendung gegenüber den Seelen ab, die sich an uns wenden“ (siehe das zuvor erwähnte Interview mit Don Pagliarini).

Wenn sie allerdings ihre „gesamte Rechtmäßigkeit“ und Legitimität von diesem Grundsatz ableiten, haben sie ein ernsthaftes Problem. Diese Argumentation ist kirchenrechtlich unhaltbar und stellt einen klassischen Zirkelschluss (eine Petitio Principii) dar. Sie begründen die Rechtmäßigkeit ihres Handelns mit einer Prämisse, die sie erst durch ihr unrechtmäßiges Handeln beweisen wollen.

  • Schritt A (Die Behauptung): Es herrscht ein extremer „Notstand“ in der Kirche, durch den das Seelenheil der Gläubigen gefährdet ist.
  • Schritt B (Die Rechtfertigung): Weil das Seelenheil das oberste Gesetz ist (salus animarum), haben wir das Recht, eigenmächtig – gegen den Willen des Papstes – Bischöfe zu weihen und Sakramente zu spenden.
  • Schritt C (Die Definition des Notstands): Wer bestimmt eigentlich, dass dieser „Notstand“ so akut ist, dass er den Bruch des Kirchenrechts rechtfertigt? Das bestimmt die Priesterbruderschaft selbst.
  • Der Zirkel: Die Piusbrüder erklären sich selbst zur obersten Instanz, die den Notstand ausruft, um sich anschließend mit genau diesem Notstand das Recht einzuräumen, die eigentliche oberste Instanz (den Papst) zu ignorieren.

Das kirchenrechtliche Kernproblem könnte man so zusammenfassen:

  • Die Aneignung der Definitionsmacht: Im katholischen Kirchenrecht liegt die endgültige Entscheidung darüber, was dem Heil der Seelen dient und wann ein Notstand vorliegt, ausschließlich beim Papst (als Inhaber der höchsten, vollen, unmittelbaren und universalen ordentlichen Gewalt; vgl. Can. 331 CIC).
  • Die Selbstlegitimation: Indem die FSSPX den Notstand selbst definiert, setzt sie ihr eigenes Urteil über das des Papstes. Sie argumentiert: „Das Wohl der Seelen steht über dem Papst, und wir entscheiden, was das Wohl der Seelen ist.“ Damit erklärt sie sich selbst de facto zu einem „Mini-Vatikan“ und untergräbt die gesamte Ekklesiologie (Glaubenslehre über das Wesen der Kirche).

Ein Gesetz kann nicht gegen den Gesetzgeber selbst angewandt werden. Der Papst ist der oberste Gesetzgeber und der letzte Ausleger des Kirchenrechts. Wenn man einem päpstlichen Befehl unter Berufung auf „Notstand“ den Gehorsam verweigert, bedeutet das letztlich die Ablehnung des römischen Primats, was genau den Kern eines Schismas ausmacht.

Der „höchste Gesetzeszweck“ der salus animarum (Heil der Seelen) hebt niemals die hierarchische Verfassung der Kirche auf. Die Gültigkeit der Weihegewalt und der Sendung zur Seelsorge werden im katholischen Kirchenrecht zwingend vom Papst als universalem Oberhaupt legitimiert. Dahinter verbirgt sich die Verweigerung des päpstlichen Primats: Wer Bischöfe gegen das ausdrückliche Mandat des Papstes weiht, untergräbt das Fundament der Kirche. Die Exkommunikation wegen Schismas ist daher folgerichtig, denn die Ablehnung des römischen Primats bedeutet und vollzieht den Bruch mit der Kirche. Das Heil der Seelen kann niemals durch eine Tat gesucht werden, die die Einheit der Kirche von innen heraus spaltet.

Ideologisch aufgeladen

Wie bereits gesagt, gibt es Menschen, die zu den Piusbrüdern gehen, einfach weil sie die Liturgie schön finden oder aus anderen Gründen, die nichts mit der Ideologie zu tun haben. Vielleicht gibt es sogar Priester, die so denken. Andererseits finde ich es leichter, mit suchenden Atheisten zu diskutieren als mit einem metanarrativen, ideologisch festgefahrenen Piusbruder.

Sie verurteilen den Rationalismus, während sie rationalistisch argumentieren. Sie verurteilen den Modernismus, fallen aber genau in dieselbe Subjektivismusfalle. Sie werfen der Deklaration über Religionsfreiheit im Zweiten Vatikanum vor, dem Gewissen des Einzelnen zu viel Raum zu schenken, indem sie weit über das Zweite Vatikanum hinausgehen und in der Praxis das Denken des Einzelnen als das ultimative Fundament der Wahrheit darstellen. Sie beschuldigen den Papst der Protestantisierung und stehen in ihrer praktischen Ablehnung des Magisteriums auf der Seite Luthers. Pfeifen und Pinole essen, das geht halt nicht.

Schluss

Gefährlich ist das Ganze, weil es auf den ersten Blick so heilig aussieht. Makellose Treue zur Tradition. Reinheit der Lehre. Und doch sind sie irgendwo falsch abgebogen. „Rein wie Engel. Arrogant wie Luzifer. Eigensinnig wie Dämonen.“ Das war damals ein sehr hartes Urteil des Pariser Bischofs. Was für mich an der Geschichte der FSSPX besonders verworren erscheint, ist, dass man sich schwertut, dieses Urteil auf einzelne Personen anzuwenden. Es trifft sicherlich nicht auf die Mutter von fünf Kindern zu, die man in der NZZ sieht, wie sie es gerade noch irgendwie schafft, ihre Kinder zur Bischofsweihe in den Schweizer Bergen am 1. Juli mitzunehmen. Vielleicht ist es aber gerade das, was den Schatten des Widersachers und seine Verbergungskünste erkennen lässt. Vielleicht ist es wie in den ersten Tagen der Titanic, als niemand realisierte, dass sie in das falsche Schiff eingestiegen waren.

Für mich persönlich hat das eine besondere tragische Note. Fast 35 Jahre nach meinem Verlassen der FSSPX erlebe ich ein Déjà-vu.

Der Träger, Garant und authentische Ausleger der Tradition und der Lehre ist nicht der einzelne Theologe, nicht das eigene „Ego“, auch nicht eine einzelne Priesterbruderschaft, sondern das authentische Lehramt. Beten wir mit Papst Leo für Weisheit im Umgang mit den Piusbrüdern. Beten wir für die Mitglieder der FSSPX um Einsicht und Umkehr. Beten wir für die ihnen verbundenen Gläubigen, damit sie den Weg finden, um innerhalb der Kirche in der Nachfolge des Herrn voranzuschreiten. Ganz besonders will ich in diesem Anliegen die Heiligen um ihre Fürsprache bitten, die gerade im „Novus Ordo“ ihre Nahrung gefunden haben, Heilige wie Johannes Paul II., Paul VI., Carlo Acutis, Mutter Teresa von Kalkutta, Selige wie Rosario Livatino, Pino Puglisi, die Märtyrer von Tibhirine und viele mehr.