Mutig. Heiligkeit als Ideal eines gelungenen Lebens vorzuschlagen, wird nicht überall auf Beifall stoßen. Genau das aber zu versuchen, ist das Verdienst eines neuen Buches von P. Andreas Batlogg SJ: „Heilig sein 2.0“.
Hintergrund
Vor meinem Gespräch mit dem Autor hatte ich diese Absicht noch nicht erkannt. Ich war eher aufgeregt, weil ich mich zu Unrecht kritisiert fühlte. Am liebsten hätte ich sofort eine Antwort geschrieben. Aber das konnte ich wohl kaum tun, wenn ich nicht einmal das Buch selbst gelesen hatte. Und außerdem wäre das heuchlerisch gewesen. Ich will von christlicher Lebenskultur sprechen und bringe nicht einmal die Aufrichtigkeit auf, mit meinem Gegenüber zu reden. Besonders wenn das Gegenüber nicht auf der anderen Seite der Welt lebt, oder in Hamburg oder München, sondern gerade einmal zehn Gehminuten von meiner eigenen Haustür. Was war passiert?
Im August veröffentlichte P. Andreas Batlogg SJ sein Buch „Heilig sein 2.0“. Im September schrieb katholisch.at eine Rezension. Die begeisterte mich nicht. Vor allem, weil darin mein Blogbeitrag „Ich will heilig werden. Wirklich. Und du?“ vom 5. Mai 2018 und die Tagline unseres Zentrums – „Forming apostles to transform the world“ – als Negativbeispiel dargestellt wurden. Da P. Batlogg nicht irgendwer ist – er war lange für das Karl-Rahner-Archiv in München zuständig und Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“ – wollte ich für unsere Community eine Klarstellung schreiben. Bevor ich das aber tat, wollte ich mich ausführlicher informieren. Also nicht nur, was ein Onlineportal darüber schreibt, sondern was im Buch selbst steht. Ich ackerte also durch die einzelnen Kapitel.
Außerdem begann ich ein weiteres Buch des Autors, eine seiner beiden Papst-Franziskus-Biografien, „Der evangelische Papst“, zu lesen. Schließlich bat ich ihn um ein Gespräch. Und ich bin dankbar, dass ich es tat. Es ist mir etwas peinlich zuzugeben, dass ich meine Klarstellung fast veröffentlicht hätte, ohne vorher mit dem Autor zu sprechen. Ich durfte wieder einmal erfahren: Wir müssen lernen, miteinander, nicht gegeneinander zu reden. Gerade innerhalb der Kirche.
P. Batlogg hat mir erklärt, dass er den Titel meines Blogbeitrags positiv aufgefasst hatte – das habe katholisch.at in der Rezension seines Buches nicht verstanden. Eine negative Absicht hätte mich auch gewundert, denn die Frage im Titel stammt – leicht angepasst – aus einem Schreiben von Johannes Paul II. (Novo millennio ineunte, Nr. 31), und die Tagline ist eine Anpassung eines Zitats von Papst Franziskus, welches P. Batlogg in einer seiner beiden Papst-Franziskus-Biografien („Der evangelische Papst“) sogar selbst wiederum zitiert: „Ein authentischer Glaube schließt immer den tiefen Wunsch ein, die Welt zu verändern.“ (Predigt in der Jesuitenkirche „Il Gesù“ in Rom, 3. Jänner 2014)
Auf den ersten Blick war mein Eindruck vom Buch: Hier wird viel dekonstruiert, wenig konstruiert. Das ist Heiligkeit also alles nicht. Was ist es dann? Oder sollten wir den Begriff nicht einfach möglichst schnell aus unserem Vokabular streichen? Aber das sehr bereichernde und persönliche Gespräch hat mir geholfen, das Framing besser zu erfassen. Mittlerweile glaube ich, dass das Anliegen des Autors ein ganz anderes ist, um nicht zu sagen, ein mutiges. Er will Heiligkeit wieder salonfähig machen. Hier mein Versuch, mich mit dem Inhalt des Buches und dadurch mit dem Thema Heiligkeit zu befassen.
Die Heiligen vom Sockel holen
Heiligkeit. Was das ist, wie das gehen soll. Darum geht es also im Buch von P. Batlogg, „Heilig sein 2.0“. Zugleich verweist der Titel darauf, dass die Version 1.0 nicht mehr hilfreich ist oder zumindest einer Überarbeitung bedarf, wenn es darum geht, sich die Frage zu stellen, wie christliche Lebensführung heute gelingen kann.
Relativ früh im Buch erzählt P. Batlogg von einer Aktion des Benediktiners Martin Werlen in der Propstei St. Gerold (Österreich). Aufgrund feuerpolizeilicher Auflagen standen größere Renovierungsarbeiten an. Aus praktischen Gründen mussten Heiligenstatuen von ihren Sockeln geholt werden. Propst Werlen machte eine Tugend aus der Not, indem er die Heiligenstatuen inmitten alltäglicher Umstände platzierte. „Die Heiligen vom Sockel holen“ wurde eine Aktion besonderer Art. Die Metapher könnte kaum klarer sein. Verklärende Hagiografien sowie ungesunde Vorstellungen davon, was Heiligkeit eigentlich ist, haben dem Zeugnischarakter vieler Heiliger eher geschadet als geholfen. Heilige wurden auf ein spirituelles Podest gehoben, auf das sie nicht gehören. Ihnen wird eine derart andersweltliche Lebensführung zugeschrieben, dass sie uns unnahbar geworden sind. Man hat ihre menschliche Seite vergessen. Man hat es unterlassen, von ihren Ecken und Kanten zu erzählen, sie heruntergespielt oder völlig verdrängt. Ihre Schwächen, ihre Zweifel, ihr Ringen durften nicht sein und deswegen wurden sie dargestellt, als hätte es sie nie gegeben.
Für P. Batlogg steht hinter dieser Verzerrung eine Vorstellung von Heiligkeit, die den Wesenskern dessen, worum es geht, verkennt. Dieses verzerrte Bild versteht Heiligkeit vor allem im Licht dessen, was man eine „Leistungsspiritualität“ nennen könnte. Demzufolge könne der Mensch durch persönliche Anstrengungen und Selbstoptimierung stufenweise aus dem sündigen Alltag der „normalen“ Gläubigen hinauswachsen und einen immer höheren Grad an Tugendhaftigkeit erreichen. Ein „heroischer Tugendgrad“ würde dann diesen Menschen zu einem Heiligen erheben.
Katechumenen (Taufbewerber) wollen heute „oft eine Anleitung in die Hand bekommen‚ wie Christentum geht, eine To-do-Liste sozusagen, die ich abarbeiten muss, um zum Ziel zu gelangen.“ (S. 164) Die These von „Heilig sein 2.0“: Eine Betriebsanleitung fürs Heiligwerden gibt es nicht. „Christentum ist Jesus, der Christus, eine Person, an der wir uns orientieren, nicht in erster Linie ein System aus Dogma und Moral.“ (S. 164) In Beziehung mit ihm zu leben, ja, aus dieser Beziehung heraus zu leben – darum geht es. Und da Beziehung immer eine einzigartige Angelegenheit ist, die einem Außenstehenden nie ganz zugänglich sein kann, ist ein vereinheitlichtes Stufenverständnis von Heiligkeit – vorgegebene Stufen also, die für alle gleich sind und die der Einzelne einfach durchlaufen muss, um heilig zu werden – absurd.
All dem bisher Gesagten kann ich viel abgewinnen. Für mich ist eine der schönsten Passagen ein Zitat von Johannes Bours:
„Der Heilige von morgen ist ein Mensch, der sich so von Gott geliebt weiß, der sich von Gott in Jesus Christus so liebend angeschaut weiß, dass er ganz frei wird. Er kann loslassen, er braucht nicht mehr festzuhalten, er braucht keine Absicherung mehr, er braucht all das Gerenne nicht mitzumachen, was alle um ihn herum machen, er ist frei, er hat alles in diesem: Ich bin von Gott geliebt … Er lebt anders …Er kann loslassen, geben, mitteilen, austeilen, weil er unendlich reich ist: von Gott in Jesus Christus angeschaut! Darum geht von Heiligen von heute und morgen nichts Finsteres aus, sondern eine Freude, die das Schema der Welt aus der Fassung bringt. Die Heiligen von heute und morgen sind Diener unserer Freude!“ (S. 172-173)
Die Gefahr der Leistungsspiritualität
P. Batlogg versteht Heiligkeit dankenswerterweise nicht als Perfektionismus. Denn Perfektionismus speist sich aus Egoismus und Hochmut. Man erfüllt gewisse Regeln, um heilig zu werden. Aber ohne ein „Du“ fällt die Motivationsquelle für diesen Weg auf das eigene Selbst zurück. „ICH will heilig werden“. Im Letzten tut man das nicht aus Liebe, sondern um der eigenen Erwartungshaltung an sich selbst gerecht zu werden. Das „Ich will heilig werden“ muss immer als Antwort auf Gottes Liebe entstehen, nicht als Egoprojekt.
Praktisch zeigt sich dieser Egoismus oft in der Frustration über sich selbst, wenn man seinem selbst gesetzten Ideal nicht treu geblieben ist oder einfach daran gescheitert ist. Es tut einem leid, nicht weil man Gott oder einen anderen Menschen verletzt hätte, sondern weil man nicht so vollkommen ist, wie man eigentlich sein wollte. Am Beginn der Messe, des katholischen Gottesdienstes, steht das Schuldbekenntnis. Ich bekenne, dass ich Sünder bin. Damit tut sich der Selbstgerechte schwer.
Was diese Form des Hochmuts so gefährlich macht, ist seine Tarnung als Demut: „Ich bin so schlecht, ich habe es wieder nicht geschafft.“ Oft hat diese Reaktion nur noch wenig mit wahrer Demut zu tun. Denn der Hochmütige tut sich schwer anzuerkennen, dass man Fehler hat, unzulänglich ist, ein Sünder ist. Man tut so, als täte es einem leid. Nur. Was einem leidtut, ist nicht die Tatsache, dass man dem Gegenüber Verletzungen zugefügt hat, sondern die eigene Schwachheit. Man landet im Selbstmitleid, kann die eigene Unzulänglichkeit nicht akzeptieren und wünscht sich, den Fehler in der eigenen Geschichte ausmerzen zu können. Aber nochmals: Nicht, weil der Grund dafür in der Verletzung eines „Du“ liegen würde, sondern weil man die eigene Unzulänglichkeit als abscheulich empfindet. Das Wunschbild des eigenen Ichs wurde durch den Fehler oder die Sünde angekratzt. Genau das kann man nicht ertragen.
Ein Ideal kann inspirieren, aber es kann auch erdrücken. Das ist ein Gedanke von P. Batlogg, dem man noch mehr Raum geben sollte. Man hört doch immer wieder von Kindern aus vermeintlich besonders religiösen Elternhäusern, die ihren Glauben aufgeben. Und zwar dort, wo man den Eindruck hat, es sei vor allem um das Festhalten an einem Ideal der Perfektion gegangen: um das Einhalten von Regeln um der Regeln willen. Christsein ist aber ein Beziehungsgeschehen. Es ist eben nicht selbstzentrierte Perfektionssuche durch das Befolgen von Verhaltensregeln. Über dieses Thema wird später noch mehr zu sagen sein.
Verunglückte Hagiografien, Instrumentalisierung, Missbrauch
Auch andere Aspekte des Buches finde ich sehr wertvoll.
Da ist zum einen der Hinweis darauf, dass die Heiligenverehrung eine Eigendynamik entwickeln kann, wodurch dem Heiligen Verhaltensweisen und eine Lebensführung zugesprochen werden, die keinen oder nur wenig Bezug zu den historischen Tatsachen haben.
Dann ist da die Gefahr der Instrumentalisierung, gerade von jung verstorbenen Heiligen. Der Autor stellt zum Beispiel die Frage, ob der hl. Carlo Acutis mancherorts dem zum Opfer gefallen ist. Ein Heiliger der neuen Medien kam gelegen – und man wurde fündig. Man will eine gewisse eucharistische Frömmigkeit fördern und hat dafür einen genialen Vertreter gefunden. Bei allem Respekt und aller Wertschätzung und ohne die Heiligkeit dieses konkreten Heiligen selbst infrage zu stellen, ist das doch eine berechtigte Sorge. Die wird stärker, wenn man den Heiligen geschönt präsentiert. Ist nicht eine heilige Mutter Teresa uns viel nahbarer geworden, nachdem man von ihrer jahrzehntelangen inneren Dunkelheit, ihren Glaubensnächten berichtet hat? Wird eine heilige Teresa von Ávila nicht sympathischer, nachdem man erfahren hat, dass sie einen nicht nur angenehmen Charakter hatte? Schwierig wird es, wenn man durch die Betonung einiger Aspekte und das Auslassen anderer den Eindruck nicht ganz loswird: Hier wird instrumentalisiert.
Ein weiterer Aspekt, der im Buch angeschnitten wird, ist das Thema der Machtstrukturen und des Missbrauchs. Es ist kein Geheimnis, dass gerade der Priester in der Vergangenheit vielleicht nicht auf einen Sockel, aber doch oft genug auf ein Podest gehoben wurde: „Hochwürden“. Vielleicht ist er nicht gleich heilig, aber doch definitiv dem Heiligen näher und heiliger als der Rest der Bevölkerung. Das lässt den Priester oft vereinsamen – auf einem Podest steht er schließlich allein da, was wieder eine ganze Serie von anderen Problemen mit sich bringt. Ja, man muss hier viel mehr differenzieren, es ist ein komplexes Problem. Einen Sachverhalt auf nur eine Ursache zu reduzieren, ist oft problematisch. Zugleich wäre es verkürzt, nicht anzuerkennen, dass es einer der Gründe gewesen ist, die dazu geführt haben, dass Missbrauchstäter unter Klerikern leichter ihre Verbrechen begehen konnten – sie wurden weder verdächtigt noch hinterfragt.
Als persönliche Note habe ich mich über die Erwähnung bestimmter Heiliger im Buch gefreut. Da ist zum einen Óscar Romero, auch wenn er nur kurz vorkommt. Zu ihm hatte ich früher ein ambivalentes Verhältnis. Gerade in den letzten Jahren habe ich sein Leben, seine Botschaften und Predigten aber sehr zu schätzen gelernt – weil ich nicht nur Meinungen anderer über ihn las, sondern seine eigenen Texte. Besonders gefreut haben mich die etwas längeren Ausführungen über den Jesuiten Alfred Delp. Seine Schriften faszinieren mich. Erst im vergangenen Jahr bin ich nach München gepilgert – zu seiner letzten Wirkungsstätte, wo ihn die Gestapo am 28. Juli 1944 verhaftete.
Über das Ziel hinaus? Die Größe des erlösten Menschen
Ich frage mich jedoch, ob man bei allem Bemühen, eine Leistungs- und eine Selbstoptimierungsspiritualität zu vermeiden, nicht über das gesunde Maß hinausgeschossen ist. Ja, die Heiligen sind keine Halbgötter. Sie in Sphären zu heben, deren Ideal unerreichbar bleibt, hilft nicht.
Und doch: Würde es uns nicht hier und dort guttun, die heruntergeholten Heiligen wieder auf die Sockel zu stellen? Nicht als verzerrtes, utopisches und idealisiertes Bild von dem, was christliche Lebensführung zu sein hat. Aber doch, um Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es sie überhaupt gibt, die Heiligen. Dass da noch Leute sind, dort oben auf dem Sockel. Die uns sichtbar zeigen, dass das Maß des Menschen die Ewigkeit ist und dass die reale Verwandlung „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn“ (2 Kor 3,18) eine reale Möglichkeit für den Menschen ist. Ja, seine eigentliche Berufung durch die Erlösung in Jesus Christus ist.
Vorbilder. Wo gibt es sie noch? Die Dekonstruktion unserer Ideale: Hat die nicht auch dazu geführt, dass wir nicht mehr an die Größe des Menschen glauben? Johannes Paul II. sprach in Anlehnung an Paul Ricœur von den „Meistern des Verdachts“: Nietzsche, Marx, Freud. Sie haben den Verdacht aufgestellt, dass das Herz des Menschen im Letzten zum Guten unfähig ist. Dem stellt das Evangelium die Wahrheit der Erlösung gegenüber: „Der Mensch darf nicht dabei stehenbleiben, das menschliche Herz aufgrund der Äußerungen der Begierde des Fleisches und der Libido, die unter anderem ein Psychoanalytiker durch die Analyse des Unterbewusstseins aufzeigt, in einen Zustand ständigen und unwiderruflichen Verdachts zu versetzen. Die Erlösung ist eine Wahrheit, eine Wirklichkeit, in deren Namen sich der Mensch gerufen fühlen muss – und zwar wirksam gerufen.“ (Johannes Paul II., Generalaudienz vom 29. Oktober 1980, Nr. 4; eigene Übersetzung aus dem Italienischen)
Das Herz unter Verdacht und die Vermehrung von Regeln und Kontrolle
Wenn dem nicht so wäre, dann bräuchte es eine Menge starker Regeln, um den Menschen unter Kontrolle zu halten. Diese Denkweise hat kirchengeschichtlich immer mal wieder ihr Unwesen getrieben.
Meine eigene Ordensgemeinschaft kann davon ein Lied singen – einen Trauergesang. Vor unserem doch sehr lang dauernden Reinigungs- und Heilungsprozess zählten unsere Konstitutionen über 800 Nummern. Da man dem Ordensmitglied nicht zutraute, selbst allgemeine Prinzipien auf konkrete Umstände anzuwenden, hat man versucht, das für ihn durch eine Unmenge an Regeln zu tun. Das birgt aber die Gefahr, unreife Menschen hervorzubringen, die marionettenmäßig Regeln um der Regeln willen befolgen, statt das „Warum“ dahinter verstehen zu wollen und dann selbst zu entscheiden. Wenn die Mama dem Kind sagt, es solle in der Fastenzeit keine Schokolade essen, und auf die Nachfrage „Warum?“ antwortet: „Weil es Fastenzeit ist“, hat sie ihm eigentlich keinen Grund genannt. Es entspricht der Würde des Menschen, genau diesen Grund zu erkennen und sich danach auszurichten.
Ich finde den Beitrag von P. Batlogg auch gerade in dieser Sache wertvoll. Ich bemerke, wie die jungen Erwachsenen der Generation Z oft gerne hören würden, was sie tun sollen. Da versuche ich proaktiv dagegenzusteuern. Verantwortung abzugeben oder sie einem äußeren Regelwerk oder einem Guru zu überlassen, ist genau das Gegenteil von dem, was wir uns von einem „Heiligen“ erhoffen.
Dem Menschen seine Größe und tatsächlichen Fähigkeiten abzusprechen, führt nicht nur zu einer ungesunden Zunahme von Regeln im öffentlichen Raum, sondern trägt auch zur Heranbildung autokratischer Systeme und narzisstischer Führungspersönlichkeiten bei. Wo Tugenden durch Regeln ersetzt werden, tendieren politische Systeme dazu, autoritär zu werden, um für das Einhalten der Regeln zu sorgen. Auch aus diesem Grund scheint es mir, dass es uns guttun würde, die Heiligen wieder auf die Sockel zu stellen und sie nicht nur herunterzuholen.
Und zugleich: Ich arbeite mit so vielen jungen Menschen, die an sich selbst, an ihrem Wert, an ihren Fähigkeiten zweifeln, die sich ständig hinterfragen, die mit Angst auf die Zukunft schauen, auch auf ihre eigene. Da geht es nicht darum, sie wieder in einen hastigen Leistungs- und Selbstoptimierungslauf hineinrennen zu lassen – auch nicht in einen, der mit religiöser Tarnung gefärbt ist. Der Christ weiß um die Gefahr der Selbsterlösungstheorien. Dass sie zu Frustration und Burnout führen … und zu noch größeren Selbstzweifeln und Entmutigung. Das so zu betonen, ist ein großes Verdienst von „Heilig sein 2.0“. Und doch. Mir scheint, die Not der Stunde besteht nicht nur darin, einer leistungsorientierten Gesellschaft entgegenzusteuern. Sie besteht gerade auch darin, den jüngeren Generationen – und nicht nur ihnen – die Größe des erlösten Menschen in Jesus Christus vor Augen zu stellen. Wenn wir Menschen Hoffnung geben wollen, dass Menschsein gelingen kann, dürfen wir das nicht vergessen.
Spannungseinheit: Freiheit und Gnade
Daher die Frage: Gilt es nicht auch hier, wie so oft im Katholischen, eine guardinische „Spannungseinheit“ – oder was Andy Stanley (US-amerikanischer Pastor, unter anderem bekannt für seinen Leadership-Podcast) „correlative values“ nennen würde – zu wahren? Wenn ich mich nur um die Familie kümmere, verliere ich die Arbeit. Wenn ich mich nur um die Arbeit kümmere, verliere ich die Familie. Das ist kein Problem, das ich lösen will, sondern eine Spannung, die ich aufrechterhalten und gut managen möchte … wissend, dass dies kein leichtes Unterfangen ist.
Jesus ist Gott. Aber eben auch Mensch. Und nicht so eine Mischung, irgendwie halb Mensch, halb Gott, sondern eben wahrer Gott und wahrer Mensch. Er ist König. Aber einer, der Füße wäscht. Er ist Löwe und doch Lamm. Er ist der Herr (Kyrios). Aber doch auch Freund. Sein menschlicher freier Wille wird nicht vom Göttlichen ausradiert. Vielmehr ist dieser menschliche Wille erst durch die Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen vollkommen menschlich. Und was für Jesus Christus von Natur aus gilt, gilt für uns durch Gnade und Teilhabe.
Ja. Alles ist Gnade. Aber wir dürfen mitmachen. Die Gnade setzt das freie Mittun nicht außer Kraft, sondern ermöglicht und trägt es. Ein Ignatius zugeschriebenes Wort sagt: So beten, als hänge alles von Gott ab, so tun, als hänge alles von dir ab. Beides ist wahr. Genau diese Paradoxien durchziehen das gesamte christliche Vorhaben. Freiheit und Gnade. Tradition und Schrift. Charisma und Institution. Glaube und Vernunft. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Kreuzesnachfolge und Auferstehungsfreude. Beide Füße auf dem Boden der Realität und doch Wissen um die Heimat im Himmel. Kontemplation und Aktion. Ja, unsere Heiligung ist Werk Gottes, aber es bedarf auch des Mittuns des Menschen, der Mensch darf mittun. Und nicht nur das, sondern durch die Kraft des Heiligen Geistes wird ihm ein Horizont von Möglichkeiten angeboten, die seine kühnsten Träume übertreffen, denn: „Dem aber, der gemäß der Macht, die in uns wirkt, unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder erdenken, ihm sei die Herrlichkeit …“ (Eph 3,20-21)
P. Batlogg spricht in seiner Kritik von dem, was ich vorher eine Leistungsspiritualität genannt habe. Er sagt, dass wir dadurch den Kern der Sache verfehlen. Aber bei allen Umschreibungen und Differenzierungen scheint es mir, dass es diffus bleibt, was denn dieser Kern eigentlich sein soll. Und ich frage mich, ob der Grund dafür mit dem sakramentalen Verständnis zu tun hat.
Sakramentales Verständnis und wirkliche Verwandlung
Zu Beginn des Buches steht eine Vertiefung des Begriffes Heiligkeit. Dadurch kommt P. Batlogg auch auf das Thema heilige Orte zu sprechen und überhaupt darauf, ob es sinnvoll ist, von einer Verdichtung der Gegenwart des Heiligen an einem Ort zu sprechen, oder ob diese Gegenwart nicht genau gleich an jedem Ort sei.
In diesem Sinne wird über die Eucharistie reflektiert, auch wenn er als Sprachrohr dafür den Theologen Gottfried Bachl zu Wort kommen lässt. Das mittelalterliche metaphysische Verständnis mit seinem aristotelischen Aufbau sei überholt. Hinweise wie „Gott ist hier“ (auf einem Altartuch vor dem Allerheiligsten in einer Kirche zum Beispiel) seien irreführend. Gott sei in der Eucharistie im Tabernakel oder in der Monstranz nicht mehr gegenwärtig als anderswo, da Gott überall sei. Das Spezifische der Eucharistie beziehe sich ja auf die Menschheit Jesu, nicht auf seine Gottheit. „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände.“ (Ps 19,2) Die gesamte Schöpfung sei Wohnort des Geistes Gottes. Die wahren Anbeter Gottes beteten ihn in Geist und Wahrheit an. (Vgl. Joh 4,21-24) Die Stärke der Eucharistie sei die Stärke des Zeichens:
„Der Mehrwert der sieben kirchlichen Sakramente besteht nicht darin, dass sie mehr Gott, mehr Christus, mehr Heiligen Geist bringen oder dass sie diese Weise auf eine sichere Weise bewirken, sondern in der Stärke des Ausdrucks, den diese Zeichen bewirken.“ (Gottfried Bachl, zitiert auf S. 41)
Bei allem Lob, das dieses Buch verdient, und bei allem Respekt und aller Wertschätzung, die ich P. Batlogg gegenüber hege, ist das für mich die herausforderndste Stelle. Aus katholischer Sicht finde ich es schwer, mich hier nicht mit einem protestantisierten Eucharistieverständnis konfrontiert zu sehen. Klarer hätte man es kaum sagen können.
Gott ist überall. Ja. Aber auch wenn wir noch gar nicht über die sakramentale Gegenwart in der Eucharistie nachdenken, zeigen die Erfahrung und das Empfinden eine unterschiedliche Dichte dieser Gegenwart. Es stimmt: Sogar unsere Sünden geschehen in Gott, „denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17,28). Mit Thomas von Aquin gesprochen: Die Geschöpfe sind mehr in Gott als Gott in den Geschöpfen. Daher geschieht auch unser Fehlverhalten in Gott. Teresa von Ávila meinte übrigens: Wenn wir das begriffen, würden wir niemals sündigen. In einem anderen Sinne kann man auch sagen: Wo Sünde ist, dort ist Gott nicht, dort erhält er keinen Raum, dort wird er vom Menschen ausgeschlossen. Gott ist im Aufseher von Auschwitz anders gegenwärtig als in Maximilian Kolbe. Seine Gegenwart leuchtet in einer Mutter Teresa nicht auf dieselbe Weise auf wie in einem Massenmörder. Und dem ist nicht nur so, weil das „Zeichen“ so laut spricht, sondern weil hier wirklich etwas qualitativ anderes gegenwärtig wird.
Eucharistie und personale Gegenwart Gottes
Jesus ist das Sakrament schlechthin, weil er nicht nur sichtbar die Gegenwart Gottes in der Welt zeichenhaft darstellt, sondern weil er diese Gegenwart persönlich ist. Durch ihn wird Gott personal anwesend an einem konkreten Ort. Jesus Christus ist nicht nur ein vorbildlicher Mensch, der Gott besonders nahe war und uns Gott daher irgendwie zeichenhaft näherbringt als alle anderen Menschen. Das wäre kein christlicher Glaube mehr.
Das Atemberaubende der Menschwerdung ist nicht so sehr die Vergöttlichung des Menschen (um eine Idee von Karl Adam aufzugreifen), die Erhebung des Menschen zu etwas, wozu er aus eigenen Kräften niemals fähig gewesen wäre, sondern das vollkommene Sich-Entäußern und Ganz-und-gar-Menschwerden Gottes, das diese Vergöttlichung ermöglicht. Es gibt einen Menschen unter uns, der Gott selbst ist. Und alles das, was er als Mensch tut, offenbart uns das Herz Gottes, weil die Person, das Subjekt, das dort als Mensch handelt, der ewige Sohn des Vaters ist, Gott von Gott, Licht vom Licht, eines Wesens mit dem Vater.
Die leibhaft anwesende Gestalt Jesu von Nazaret ist die personale Gegenwart der zweiten Person der Dreifaltigkeit. Wenn wir in die Augen Jesu schauen, überkommt uns, Welle für Welle, die unfassbare Wirklichkeit: Wir schauen da in die Augen Gottes selbst, der uns mit menschlichen Augen anschaut (wie N. T. Wright schreibt). Weil dem so ist, können wir sagen: Gott hat geweint. Gott hat gelitten. Gott hat geschlafen.
Ist Gott gegenwärtig im Baum vor meiner Haustür? Ja. Aber den Baum Gott zu nennen, wäre blasphemisch. Jesus hingegen als Gott zu bekennen, ist der Kerninhalt dessen, was es überhaupt heißt, Christ zu sein. Ist die Gegenwart Gottes in Jesus von Nazaret von einer anderen Art und einer anderen Qualität als im Baum? Es wäre schwer, sich noch als Christ zu bezeichnen, wenn man diese Frage nicht mit einem klaren Ja beantworten könnte.
Jesus Christus ist Ursprung und Quelle von Sakramentalität. Ein katholisches Eucharistieverständnis kann man nur von ihm her begreifen. Ich finde es schade, dass man im Buch auf diese Dimension nicht wirklich eingeht. Vor allem, weil dadurch die tiefe Verwandlung des Menschen durch das Wirken Gottes nicht verständlich wird. Dabei gibt es eine reiche Tradition von Glaubenden, die durch die Jahrhunderte begriffen haben: Das, was Jesus von Natur aus ist, das werden wir durch Gnade und Teilhabe. Gerade darin besteht die Heiligung des Menschen. Es geht nicht nur um äußere Veränderung der Fassade, sondern um die „Umgestaltung in Christus“ – um mit Paulus zu sprechen. Wir werden in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit. (2 Kor 3,18)
Sakramente und Heiligkeit
Oder anders gesagt: Das auffällige Fehlen einer sakramentalen Weltanschauung hat dann Konsequenzen für das, was man überhaupt unter einem Heiligen versteht. Es wird viel darüber diskutiert, wie Luther zu interpretieren ist. Die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“, 1999 von der katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund unterzeichnet, hat gezeigt, dass wir uns da tatsächlich näher sind, als man dachte. Nur: Leider wurde Luther oft so ausgelegt (jetzt sehr vereinfacht gesagt): Jesus ist sozusagen der Teppich, der über den sündhaften Menschen hinübergeworfen wird, sodass Gottvater, wenn er den Sünder ansieht, eigentlich nicht ihn sieht, sondern seinen Sohn. Aber der Mensch, also ich, bleibe der Sünder. Es ist ein rein juridisches Verständnis der Rechtfertigung.
Ich persönlich bin von meinem Stiefvater adoptiert worden. Ich habe ein Papier, auf dem steht, dass er mein rechtlicher Vater ist. Ich liebe und schätze ihn sehr. Er ist wie ein Vater für mich geworden und ich sehe ihn als solchen. Aber das macht ihn nicht zu meinem biologischen Vater. Wenn Paulus vom „Geist der Adoption“ (Röm 8,15) spricht, übersetzt die Einheitsübersetzung nicht falsch mit „Geist der Kindschaft“, da Gottes Adoption ein wirkliches Hineinnehmen in das Leben der Dreifaltigkeit bewirkt und daran teilnehmen lässt. Das heißt, Gottes Adoption verwandelt wirklich, anders als ein Papier: „Durch sie [die göttliche Macht] sind uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt, damit ihr durch diese Anteil an der göttlichen Natur erhaltet …“ (2 Petr 1,4)
Einer meiner Lieblingssätze in der ganzen Bibel ist 1 Joh 3,1: „Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es“ (1 Joh 3,1; Einheitsübersetzung 2016; griechisch: kai esmen). Wir heißen nicht nur Kinder Gottes, wir sind es wirklich geworden. „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Und durch den Geist der Kindschaft rufen wir: „Abba, Vater!“ (vgl. Röm 8,15). Es geht um innere Verwandlung, oder wie die Ostkirche es nennt, die Theosis: die Vergöttlichung des Menschen. „Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht werde“ (vgl. Athanasius, De incarnatione 54,3; sinngemäß). Nicht, dass wir jetzt alle Gott werden, aber wir dürfen durch Gnade an seinem eigenen Leben teilhaben: „… von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“
Verwandlung ist möglich
Ja, und da hat P. Batlogg vollkommen recht: Hier geht es nicht um Selbstoptimierung. Und ja, es geht um die Beziehung mit dem Herrn. Durch ihn werden wir leuchten. Das will etwas heißen. Ja. Wir sollen den Menschen nicht mit falschen Idealen überfordern. Zugleich gilt es, ihn nicht zu klein zu denken. Wir können das Herz nicht in einen dauernden Zustand des Verdachts versetzen: Die Erlösung ist eine Wirklichkeit. Wir werden zu Höherem gerufen, und zwar durch die Macht Gottes wirksam gerufen, wirklich zu diesem Höheren befähigt. Transformation is possible.
1980 erinnerte Johannes Paul II. in einer Predigt vor Priestern in Fulda: Ja, wir wollen, wir müssen, wir dürfen zum Herrn unsere Schwäche aussprechen. Zugleich scheinen aber manche …
„… heute oft diese Schwäche zum Grundprinzip alles anderen zu machen, indem sie diese fast zu einem Menschenrecht erklären. Christus hingegen hat uns gelehrt, daß der Mensch vor allem ein Recht zur eigenen Größe hat, ein Recht, auf das, was ihn eigentlich überragt. Denn gerade hierin zeigt sich besondere Würde; hierbei offenbart sich die herrliche Macht der Gnade: unsere wahre Größe ist ein Geschenk aus der Kraft des Heiligen Geistes. In Christus hat der Mensch nun ein Anrecht auf solche Größe. Und die Kirche hat durch denselben Christus ein Anrecht auf das Geschenk dieses Menschen …“ (Johannes Paul II., Predigt in Fulda, 17. November 1980, Nr. 8)
P. Batlogg stellt mehrmals die „heroische Tugend“ als Kriterium für Heiligsprechungen als problematisch dar. Ich stimme zu, dass es problematisch ist, wenn man das pelagianisch versteht: Das heißt, diese „heroische Tugend“ könne man allein durch eigene Anstrengung erreichen. Genau darauf zielt P. Batlogg ab. Aber die Kritik kann auch falsch verstanden werden. Dann besteht die Gefahr, die Tugendlehre als solche implizit zu verwerfen, das „Glaube allein genügt“ radikal anzuwenden und eine gnostische Tendenz wiederaufleben zu lassen – als käme das Heil mehr aus dem Wissen als aus der Liebe. Verneint würden damit die Kraft des Heiligen Geistes, unseren Willen zu verwandeln, und unser freies Mittun.
Auch hier bedarf es einer ganzheitlichen Sicht auf die Dinge, die eine gesunde Spannung zwischen Gnade und freiem Willen bewahrt. Ich bin mir nicht sicher, ob es dem Autor gelingt. Die Verwerfung einer Tugendlehre würde paradoxerweise wieder zu einem Festhalten an und einer Vervielfachung von äußeren Regeln führen (siehe zum Beispiel „Das Viergespann“ von Josef Pieper). Warum? Weil wir dem Inneren des Menschen, dem Herzen, nicht zutrauen, dass es die Fähigkeit durch Gottes Gnade erhält, sein Verhalten nach den Erfordernissen der Liebe auszurichten, ohne eine Unmenge äußerer Regeln dafür zu brauchen. Das „Dilige et quod vis fac“ („Liebe und tu, was du willst“; In epistulam Ioannis ad Parthos tractatus 7,8) von Augustinus scheint nicht vertrauenswürdig genug oder zu naiv. Es bräuchte äußere Stützen, da die inneren nicht tragen. Die Gnade bewirkt aber genau das, sie stärkt das Innere des Menschen.
Daher wäre es vielleicht hilfreich, diese Aspekte der Bestärkung noch mehr zu betonen. Ich denke da an das „Magis“ des Ignatius. An das „Macht Krach“ von Papst Franziskus beim Weltjugendtag in Rio oder „Runter von der Couch“ beim Weltjugendtag in Krakau. An die „entschiedene Entschiedenheit“, die Teresa von Ávila jedem ans Herz legt, der wirklich den Weg der Heiligkeit gehen will. An das „Gebt euch nicht mit Mittelmäßigkeit zufrieden“ von Johannes Paul II. Oder an seine Erinnerung, dass die Frage an einen Katechumenen „Willst du die Taufe empfangen?“ im Grunde bedeutet: „Willst du heilig werden?“ Christsein kann sich nicht mit einem mittelmäßigen Leben und einer minimalistischen Ethik zufriedengeben (vgl. Johannes Paul II., Novo millennio ineunte, Nr. 31).
Ich finde es wichtig, diesen Verwandlungsprozess so zu betonen, um den Menschen nicht zu billig zu verkaufen, weil der Mensch sich anders gar nicht wirklich begreifen kann. Johannes Paul II. hat das einmal so zum Ausdruck gebracht:
„Der Mensch, der sich selbst bis in die Tiefe verstehen will – nicht nur nach unmittelbar zugänglichen, partiellen, oft oberflächlichen und sogar nur scheinbaren Kriterien und Maßstäben des eigenen Seins –, muß sich mit seiner Unruhe, Unsicherheit und auch mit seiner Schwäche und Sündigkeit, mit seinem Leben und Tode Christus nahen. Er muß sozusagen mit seinem ganzen Selbst in ihn eintreten, muß sich die ganze Wirklichkeit der Menschwerdung und der Erlösung »aneignen« und assimilieren, um sich selbst zu finden. Wenn sich in ihm dieser tiefgreifende Prozeß vollzieht, wird er nicht nur zur Anbetung Gottes veranlaßt, sondern gerät auch in tiefes Staunen über sich selbst. Welchen Wert muß der Mensch in den Augen des Schöpfers haben, wenn er verdient hat, einen solchen und so großen Erlöser zu haben … Dieses tiefe Staunen über den Wert und die Würde des Menschen nennt sich Evangelium, Frohe Botschaft.“ (Johannes Paul II., Redemptor hominis, Nr. 10)
Zusammenfassung
P. Batlogg will mit seinem Buch „Heilig sein 2.0“ das Thema wieder salonfähig machen. Uns neu dazu inspirieren. Aber um das zu tun, muss er die Zerrbilder benennen, die „Heiligkeit“ in ein schlechtes Licht gerückt haben. Es hat mir geholfen, erneut darüber nachzudenken, wo die Gefahren einer egoistisch angetriebenen Leistungsspiritualität und des Hochmuts sogar im Streben nach der Heiligkeit lauern können. Er zeigt auf, wie man Heilige auf so hohe Sockel stellen kann, dass sie uns unerreichbar scheinen und überfordern. Er warnt uns davor, Heilige für die eigenen Interessen zu instrumentalisieren. Er stellt die Beziehung zu Jesus und das Leuchten durch ihn in den Vordergrund. Wie wichtig das ist, kann man wahrscheinlich gar nicht genug betonen. Für all das bin ich dem Buch dankbar.
Meine Sorge ist die Unterbetonung der Verwandlung des inneren Menschen sowie seines Mitwirkens mit der Gnade und der Realmöglichkeit seiner Vergöttlichung – der wesentliche Grund für die Menschwerdung Gottes: Gott will einen Bund mit dem Menschen eingehen, um ihn zu vergöttlichen, teilhaben zu lassen an seinem eigenen Leben. Das Auslassen der sakramentalen Dimension und somit der Tiefe der christlichen Anthropologie finde ich daher schade. Auch wenn diese behutsam angedeutet wird, etwa wenn er am Ende des Buches die Hoffnung aufsteigen lässt, dass durch die Erfahrung menschlicher Güte – auch wenn das Gegenüber dabei nicht an Gott denkt – sich etwas in ihm öffnet und „nicht darin ein fast verborgener Zugang geschenkt wird zu der Güte, von der wir alle leben“. (S. 172) Ich hoffe, dass ich Gelegenheit haben werde, mit ihm diese Elemente sowie sein Eucharistieverständnis in einem weiteren Gespräch vertiefen zu können.
Das Buch ist ein mutiger Versuch, dazu einzuladen, sich neu auf die Suche nach Heiligkeit zu machen und innerlich zu brennen, um leuchten zu können (um einen Gedanken von Erzbischof Josef Grünwidl aufzugreifen). Es erinnert daran: „Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deswegen, weil sie Zeugen sind.“ (Paul VI., von P. Batlogg auf S. 169 zitiert) Es ermutigt zu einer „Mystik der offenen Augen“ (S. 170), die fremdes Leid wahrnimmt und sich darauf einlässt. Und es weckt den Wunsch, Menschen zu werden, „durch die es anderen leichter wird, an Gott zu glauben.“ (S. 172)
P. Batlogg ist ein renommierter und respektierter Theologe im deutschen Sprachraum und darüber hinaus. Das Buch will jedoch keine wissenschaftliche Abhandlung über die Heiligkeit sein. P. Batlogg will das Thema gerade einem breiteren Publikum zugänglich machen. Zugleich finde ich es bedeutsam, dass er gerade mit diesem Buch einen Beitrag dazu leistet, eine vielleicht doch zu oft mit Nebenschauplätzen beschäftigte Theologie zu ihrer eigenen Mitte zurückzurufen.
P. George Elsbett LC