Anbetung rund um die Uhr – warum wir das tun

Null Uhr. Die rund um die Uhr stattfindende eucharistische Anbetung, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, begann am 26. Mai 2026 um Mitternacht. Für mich persönlich und viele von uns hier im Zentrum Johannes Paul II. ist dies die Erfüllung einer tiefen Sehnsucht und eines lang ersehnten Herzensanliegens. Warum […]

von | 12. Juli 2026

Null Uhr. Die rund um die Uhr stattfindende eucharistische Anbetung, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, begann am 26. Mai 2026 um Mitternacht. Für mich persönlich und viele von uns hier im Zentrum Johannes Paul II. ist dies die Erfüllung einer tiefen Sehnsucht und eines lang ersehnten Herzensanliegens.

Warum das Ganze?

Warum das Ganze? Weil der Herr es wert ist. Weil wir uns daran erinnern wollen und zugleich versuchen, etwas authentischer zu leben: das Erste im Reich Gottes, das Erste im Leben der Kirche, das Erste, das vor allem anderen kommen muss: das Gebet, das Verweilen bei ihm, das Kraftschöpfen von ihm, das Lernen, die Welt durch ihn zu betrachten, von dieser Mitte aus zu leben und uns zu unseren Mitmenschen senden zu lassen.

Schon von der Straße aus kann man durch das Café hindurch die Monstranz auf dem Altar erkennen. Das ausgesetzte Allerheiligste am zentralsten und wichtigsten Ort unseres Zentrums erinnert und ermahnt: Das Zentrum unseres Zentrums muss der Herr sein. Aber nicht aus einem Leistungsdenken heraus. Wir durften jetzt fast zwei Monate durchbeten, auch wenn bisweilen „nur“ ca. 150 von 168 Stunden gedeckt sind. Danke an alle ca 180 Springer, die vorerst noch keine Fixstunde übernehmen können, aber eben auf diese Art und Weise mitmachen und die fehlenden Stunden auffüllen. Also ganz so weit sind wir noch nicht und wir werden den ersten Sommer voraussichtlich noch nicht ohne Lücken durchbeten. Aber das ist ok. Es geht eben nicht darum, über Biegen und Brechen etwas zu erreichen. Wir wollen nicht etwas zwanghaft beweisen oder hochmütig sagen können: „Wir haben es geschafft, wir haben jetzt 24/7/365.“ Die ewige Anbetung soll kein Zeichen von Überheblichkeit sein, sondern uns hoffentlich immer wieder das Gegenteil lehren: Wir sind uns unserer Bedürftigkeit bewusst und wissen, dass wir ihn, den Herrn, brauchen.

Hintergrund

Dieser Traum der „ewigen Anbetung“ schlummerte schon lange in uns. Für mich persönlich hängt er vermutlich zumindest teilweise mit meiner frühen Faszination für die hl. Therese von Lisieux und den hl. Franz Xaver zusammen. In der Katholischen Kirche sind sie die beiden Patrone der Missionare. Die Leidenschaft Gottes für die Welt trieb den hl. Franz zu einer fast übermenschlichen missionarischen Tätigkeit um den halben Globus. Dieselbe Leidenschaft zog die hl. Therese immer mehr ins Innere. Sie verließ nie das Kloster, ist aber dennoch Patronin aller Missionare. Wie lässt sich das verstehen?

Die Jünger „hatten Gegenwind“ (Mk 6,48). Mitten auf dem See und mitten in der Nacht brach ein Sturm los (vgl. Mt 14,24). Alle ihre Anstrengungen hatten keinen Erfolg. Aber. Er betete für sie. Er hatte schon die ganze Nacht für sie gebetet. Oben am Berg (Joh 6,15). Plötzlich ging er an ihnen vorbei. Plötzlich waren sie am Ufer angelangt, das sie angesteuert hatten (Joh 6,21), ohne zu wissen wie.

Eine geheimnisvolle Fruchtbarkeit erwächst im Reich Gottes, wenn man mit dem Eintreten Jesu für die Welt mittut und sich in ihn einfügt: „Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht … und er ist erhört worden …” (Hebr 5,7). „Für sie bitte ich … denn sie gehören dir.” (Joh 17,9); „Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen“ (Joh 17,11); „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt” (Lk 22,32); „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt“ (Joh 15,7-8).

Er ist der Retter der Welt. Man könnte meinen, er habe Besseres zu tun. Doch da ist er. Die ganze Nacht. Im Gebet. Erst in der vierten Nachtwache, also kurz vor dem Morgen, kommt er zu ihnen auf dem Wasser (vgl. Mt 14,25). Offenbar war er überzeugt, dass das Gebet auf dem Berg wichtiger für sie sei als sofortiges Eingreifen.

Die Nacht, bevor er die Zwölf zu seinen Aposteln erwählt, verbringt er erneut betend. Die ganze Nacht (vgl. Lk 6,12). Es scheint kein Einzelereignis gewesen zu sein. Auch in der Nacht vor seinem Tod zieht er sich in den Ölgarten zurück, um Zeit im Gebet mit dem Vater zu verbringen, „wie er es gewohnt war“ (Lk 22,39). Und wir sind gut beraten, wenn wir seine Jünger sein wollen, dieses „Sich-im Gebet-Zurückziehen“ auch zu unserer Gewohnheit zu machen, Zeit, wertvolle Zeit im Gebet vor dem Vater zu verbringen.

Ich glaube, gerade im Reich Gottes ist das eine Lektion, die man leicht vergessen kann. Besonders wenn einem etwas am Reich Gottes liegt. Man sieht die Not. Die Herausforderungen für den Glauben. „Lass uns doch etwas tun!“ „So kann es doch nicht bleiben!“ „Lass uns zu den Schaufeln greifen.“ „Lass uns anpacken und bauen!“ Doch ohne die Verankerung im Gebet läuft man Gefahr, einen Turm Babel statt des Reichs Gottes zu errichten. Denn man versucht, die Mittel der Welt einzusetzen, um das Himmelreich aufzurichten. Das gelingt nicht, es ist zum Scheitern verurteilt.

Gebet oder Tat?

Heißt das etwa, dass wir nichts tun, uns nicht aktiv einsetzen und uns lieber zurücklehnen und warten sollen? Nein. Wir sollen beten, damit es Arbeiter im Weinberg gibt (vgl. Mt 9,38), aber wir sollen auch im Weinberg arbeiten, denn „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“ (2 Thess 3,10). Trifft nicht die Klage des Herrn den Nagel auf den Kopf, wenn er die kreative Tatenlosigkeit der Seinigen beanstandet und daran erinnert: „Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts“ (Lk 16,8)?

Mit welcher Energie und menschlicher Raffinesse wird dafür gesorgt, die neueste Seife oder das neueste KI-Modell zu verkaufen? Und hat die Kirche nicht das Wichtigste überhaupt zu bieten, was der Mensch braucht, um Leben zu haben und Leben in Fülle (vgl. Joh 10,10)? Ja, wir sollen arglos wie die Tauben sein, aber zugleich im Umgang mit den uns gegebenen Talenten so klug wie die Schlangen (vgl. Mt 10,16 und Mt 25, 14-30).

Warum sollten wir nicht alles Menschenmögliche tun, um sicherzustellen, dass so viele Menschen wie möglich von dieser frohen Botschaft hören und sich auf sie einlassen? Wie kann man Mittelmäßigkeit, mangelnde Qualität, organisatorisches Chaos und Ziellosigkeit unter den Arbeitern im Weinberg entschuldigen?

Reich Gottes ist anders

Vor Kurzem hat uns Kardinal Schönborn besucht. Als er aus der Sakristei kam, fragte ihn ein Journalist nach den Früchten von Medjugorje. Die Begeisterung des Journalisten für diese Früchte war spürbar. Ich hatte den Eindruck, man suchte seitens des Kardinals eine Bestätigung dafür. Vielleicht verständlich. Man will die Früchte ja sehen. Denn es gibt das Gleichnis von den Früchten, anhand dessen wir den Baum erkennen können (vgl. Mt 7,16). Und dennoch gilt auch hier: „Der eine sät, der andere erntet“ (Joh 4,37).

Ich behaupte nicht, dass dies die Absicht des Journalisten gewesen ist. Doch unter jenen, die im Weinberg des Herrn arbeiten, gibt es auch einen Wunsch, der noch nicht ganz losgelassen ist: Früchte ihrer Arbeit sehen zu können. Auf diese Gefahr wollte der Kardinal, so glaube ich, hinweisen. Seine Antwort stimmte mich jedenfalls nachdenklich. Er antwortete nämlich mit der Geschichte vom Propheten Gad, nachdem König David die Volkszählung angeordnet hatte, um zu wissen, wie es um die Anzahl der kriegsfähigen Männer stand, und dadurch mehr auf sein eigenes Tun und seine Macht vertraute als auf den Herrn (vgl. 1 Chr 21). Der Prophet bot dem König die Wahl zwischen drei möglichen „Strafen“ für seine Sünde. Und dann meinte der Kardinal sinngemäß: „Wir werden jetzt keine Liste der Früchte von Medjugorje erstellen. Aber ja, es gibt Früchte.“

Das Reich Gottes ist anders. Es wächst anders. Triumphiert anders. Und die Kirche wird immer die „kleine Herde“ sein (Lk 12,32), der Sauerteig in der großen Masse (vgl. Mt 13,33), die Wenigen für die Vielen bleiben. Wer im Reich Gottes nach einem „Triumph“ nach den Maßstäben der Welt sucht, ist gnostisch, nicht christlich unterwegs. Er vergisst, dass wir nicht im Paradies leben und dass es eine gefährliche Ideologie ist zu glauben, man könne das Paradies auf Erden herstellen. Wir leben in einer gebrochenen Welt, die nie ganz heil sein wird. Ja, wir dürfen immer wieder den Vorgeschmack des Himmels erleben. Wer aber versucht, den Himmel auf die Erde herunterzuholen, wird enttäuscht und frustriert sein. Oder – wie die Ideologien des vergangenen Jahrhunderts deutlich zeigten – wird im Versuch, das eigene Himmelreich auf Erden zu errichten, menschenverachtend den Menschen auf dem Altar seiner Weltverbesserungsideologie opfern.

Das Reich Gottes entzieht sich völlig menschlicher Logik. Deshalb müssen wir aufpassen, die Kirche nicht wie ein Unternehmen führen zu wollen. Das ist keine Entschuldigung für mittelmäßige oder schlechte Führung christlicher Projekte oder Gemeinden. Ich bin sehr dankbar für alles, was ich von gesunden Leiterschaftsprinzipien aus der Wirtschaft gelernt habe. Ich bin dankbar, dass es in unserer Gemeinde Menschen gibt, die uns helfen, gesunde Strukturen aufzubauen, „wirtschaftlich“ zu handeln, Ziele zu setzen und vieles mehr. Doch Fruchtbarkeit für das Reich Gottes entsteht nicht automatisch dadurch. Wie die Gnade Gottes in uns wirkt, durch uns wirkt und in einzelnen Menschen Früchte trägt, ist kein Resultat eines Fünf-Jahres-Plans. Wir dürfen derzeit sehr viel Segen erfahren. Wir wachsen. Wir dürfen zunehmend mehr Menschen taufen. Wir dürfen anderen Gemeinden helfen und sie unterstützen. Doch dieser Segen, weil er Gnade ist, lässt nicht über sich selbst verfügen. Segen bleibt Segen. Ein Geschenk. Am Ende des Tages wissen wir nicht genau, wie es weitergeht. Wir dürfen jetzt am Reich Gottes mitbauen. Wir dürfen und wollen unser bestmögliches menschliches Potenzial einbringen. Gleichzeitig sollten wir wissen: Die Früchte liegen in Gottes Hand.

Was es braucht

Gerade weil das so ist, gerade weil die Gnade frei ist und sich nicht vereinnahmen lässt, nicht einfach über sich verfügen lässt … bedarf es von uns zweierlei.

  • Erstens: eine gewisse Loslösung von den Früchten und Ergebnissen. Eine Gelassenheit, weil wir wissen: Letztlich ist es seine Kirche, nicht meine. Ich bin nur Verwalter. Ich werde mein Bestes geben, solange ich diesen Teil des Reiches mitverwalten darf. Aber ich kann auch loslassen.
  • Zweitens: eine klare Betonung der übernatürlichen Mittel. Ich mag die beste Organisation der Welt haben. Wenn die Gnade nicht weht, wird das keinen Impakt für das Reich Gottes haben. Das bedeutet zugleich eine klare Betonung des inneren Lebens und des geistlichen Wachstums des Einzelnen.

Die hl. Edith Stein drückte es einmal so aus:

„Aber das letztlich Tragende ist das innere Leben; die Bildung geht von innen nach außen. Je tiefer eine Seele mit Gott verbunden ist, je restloser der Gnade hingegeben, desto stärker wird ihr Einfluss auf die Gestaltung der Kirche sein. Umgekehrt: Je mehr eine Zeit in der Nacht der Sünde und Gottesferne versunken ist, desto mehr bedarf sie der gottverbundenen Seelen. Gott lässt es auch daran nicht fehlen. Aus der dunkelsten Nacht treten die größten Propheten- und Heiligengestalten hervor. Aber zum großen Teil bleibt der gestaltende Strom des mystischen Lebens unsichtbar. Sicherlich werden die entscheidenden Wendungen in der Weltgeschichte wesentlich mitbestimmt durch Seelen, von denen kein Geschichtsbuch etwas meldet. Und welchen Seelen wir die entscheidenden Wendungen in unserem persönlichen Leben verdanken, das werden wir auch erst an dem Tage erfahren, an dem alles Verborgene offenbar wird.“ (E. Stein, Das Weihnachtsgeheimnis)

Wirklichen Impakt für das Reich Gottes haben die Heiligen. Und sie werden das tun, in dem Maße, wie sie in Jesus Christus umgestaltet werden (vgl. 2 Kor 3,18), Raum für sein Wirken schaffen und sich von sich selbst loslassen, um sich in ihm zu finden.

Ja. Der Christ kann und soll eine Quelle des lebendigen Wassers für seine Mitmenschen werden. Aber, wie Benedikt XVI. einmal sagte, können wir nicht immer nur geben. Wir müssen auch empfangen. Wir müssen ständig zurück zur Quelle gehen. Er, der Herr, ist die Quelle – die einzige, die fähig ist, die tiefsten Sehnsüchte des Menschen zu stillen. Oder, mit Papst Leo gesprochen: „Die Bedürftigkeit unserer menschlichen Natur weist auf einen Hunger hin, der in der Gnade der Eucharistie seine Erfüllung findet.“ Das Wasser, das es anderen zu reichen gilt, ist nicht das eigene, sondern das seinige.

Zwei Wochen vor seinem Tod, am 15. März 2005, schrieb der hl. Johannes Paul II. an die Jugendlichen von Rom und zitierte dabei den hl. Johannes vom Kreuz:

„Jene, die sehr aktiv sind und meinen, mit ihren Moralpredigten und mit ihren äußeren Werken die Welt zu umfassen, sollen sich daran erinnern, dass sie für die Kirche von größerem Nutzen und Gott viel willkommener wären, wenn sie, ohne von dem guten Beispiel zu reden, das sie geben würden, wenigstens die Hälfte der Zeit damit verbringen, bei Ihm im Gebet zu verweilen.

Nachdem er den hl. Johannes vom Kreuz zitiert hatte, führte der hl. Johannes Paul II. seine Botschaft mit folgender Überlegung fort: „Jesus, hilf uns zu begreifen, dass wir für das »Tun« in Deiner Kirche, auch in dem so dringlichen Bereich der Neuevangelisierung, zunächst lernen müssen zu »sein«, das heißt, bei Dir zu sein in der Anbetung, in Deiner angenehmen Gesellschaft. Allein aus einer innigen Gemeinschaft mit Dir erwächst die echte, wirksame, wahre apostolische Tätigkeit.

Es ist wie ein Testament. Nicht, weil der hl. Johannes Paul II. dafür plädierte, mit beiden Händen in den Hosentaschen herumzulaufen und den faulen Hund zu spielen. Im Gegenteil: „Die Liebe Christi drängt uns“ (2 Kor 5,14) – und sie drängte auch ihn um die ganze Welt. Sie war die Triebkraft hinter seinem Einsatz an den unterschiedlichsten Fronten. Doch er konnte das tun, und sein Tun hatte eine solche Wirkung, weil er im Herrn fest gegründet gewesen ist. Weil seine Priorität die Beziehung und die Exklusivzeit mit dem Herrn war. Weil er wusste, dass nur die tiefen Gewässer Gottes den Durst der Welt stillen können. Und weil er wusste, dass alle äußere Aktivität wenig bringen würde, wenn sie nicht aus dem Gebet heraus gespeist wäre.

Für mich persönlich

Anbetung verankert mich. Sie zentriert mich neu. Interessanterweise spüre ich das besonders bei der Nachtanbetung. Ein Priester aus Deutschland, der seit Jahren ewige Anbetung in seiner Pfarre hat, meinte, dass die Stunden der Nachtanbetung am schwierigsten zu besetzen sind. Aber wenn sie einmal besetzt sind, geben sie die Menschen nur noch ab, weil sie krank werden, umziehen oder sterben. Das kann ich gut nachvollziehen. Für mich sind es die schönsten Stunden. Ganz genau kann ich es mir auch nicht erklären. Doch es gibt eine Stille, auch eine innere Ruhe, die nur nachts zu hören ist. Es gibt eine Ruhe, ein Fokussiertsein auf ihn, das ich tagsüber viel mühsamer erkämpfen muss. Deshalb liegen meine festen Stunden hier im Zentrum nachts, einmal die Woche zwischen 1 und 4 Uhr. Da bin ich ganz allein mit ihm. Sonst springe ich gerne ein, wenn Not am Mann ist. Und auch sonst liebe ich meine Gebetszeiten vor dem Herrn in der Monstranz auf dem Altar.

Ich bin sehr dankbar für diese Zeit als Priester, in der ich mich selbst, aber auch unsere gesamte Gemeinde mit ihren Bedürfnissen, Nöten, Sorgen, Leiden, Trauer, Freuden und Anliegen vor ihn hinlegen darf. Inmitten eines schwierigen pastoralen Gesprächs kann ich darauf vertrauen, dass derjenige, der sich gerade in der Anbetung befindet, mehr Frucht für dieses Gespräch hervorbringen kann als alles, was ich sagen könnte. Doch die Eucharistie erweitert das Herz noch weiter. Bald beginnt man, in einem größeren Maß zu beten. Nicht nur ich, nicht nur diese Gemeinde, sondern wir als Gemeinde treten ein für die Welt. Wir machen uns zum Sprachrohr für die gesamte Schöpfung, bringen Dank, Lob, Anbetung, aber auch Wiedergutmachung dem Herrn dar. Halten uns hin, stellen uns zur Verfügung und lernen, was es bedeutet, sich zur Verfügung zu stellen.

Kreuzeswissenschaft

Ich habe zuvor gesagt, dass uns die Anbetung daran erinnern soll, beim Mitbauen am Reich Gottes vor allem die übernatürlichen Mittel einsetzen zu sollen und zu wollen. Dabei denke ich besonders an das geheimnisvolle Wort des hl. Paulus: „Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Ich ergänze in meinem irdischen Leben, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt an seinem Leib, der die Kirche ist.“ (Kol 1,24) Eucharistische Anbetung ist genau dafür eine Schule. Es ist der ausgesetzte Herr in der Hostie. Was auf Deutsch so viel wie „Opfer“ bedeutet. Ja. Die Eucharistie ist der auferstandene Gegenwärtige. Der über den Tod triumphiert. Aber er ist es, weil er sich zum Opfer machte. Er ist es, weil er das Weizenkorn war, das reiche Frucht bringt, weil es bereit war zu sterben, ja sogar zermalmt wurde, um sich als das Brot des Lebens zu schenken. Es gibt keinen Ostersonntag ohne Karfreitag.

Bleibende Früchte im Reich Gottes entstehen nicht anders. Und das wird auch bedeuten, dass das, was Menschen als Scheitern beschreiben, genau das ist ist, was die größten Früchte hervorbringt. Ich weiß nicht, wo wir heute in Wien stünden, wenn es nicht die ersten etwa zehn Jahre „Scheiterns“ gegeben hätte. Ja. Es war eine harte Schule. Aber heute kann ich sagen: Sie war wichtig und ich möchte sie auch nicht mehr missen.

Wir wissen nicht, wo, wie und wann der Same aufgehen wird oder ob er sichtbar vor unseren Augen durch das, was wir tun, erwächst. Vielleicht wird meine Treue zum Herrn hier vor ihm im Gebet Früchte für das Reich Gottes in einem Land bringen, das ich selbst noch nie gesehen habe, für Menschen, die ich erst im Himmel kennenlernen werde. „Wer begreift den Geist des Herrn?“ (1 Kor 2,16) Wir wissen nicht, was unser gutes Tun in seinem Plan bedeutet. Das ist die eigentliche Hingabe. Das sich „Loslösen“ von dem, was wir beeinflussen möchten, ist es, was die Hingabe ausmacht. Wie ein befreundeter Priester mich vor Kurzem daran erinnerte: Wie die ganzen Spuren im Sand verlaufen werden, ist nicht unsere Verantwortung. Er hat den Plan und er ist der Plan. Das anzunehmen und vertrauensvoll zu umarmen ist das, worin die Freiheit liegt und woher der Frohsinn der Gotteskinder erwächst.

Was ich mir erhoffe

Ein Kommentar in diesen Tagen lautete: „Wie schön es ist, Teil dieser Gebetsgemeinschaft zu sein.“ Ja, in der Tat. Bei 24/7/365 geht es ja um die persönliche Beziehung zu Christus. Aber es geht auch darum, einzuüben und wirklich hineinzuwachsen in das, was es heißt, Kirche zu sein: Leib Christi. Wir sind alle Glieder seines Leibes. Ein weiterer Kommentar hat mir das noch einmal unterstrichen: „Wie schön, dass, wenn ich immer ins Zentrum komme, man jemanden im Gebet vor dem Herrn sieht.” Einer ist da für die Vielen. Der Eine betet stellvertretend für alle. Und er öffnet einen Raum, in den andere dann spontan dazukommen können. Der Herr will uns beschenken. Und von nun an wird immer jemand da sein, um für die Vielen diese Geschenke zu erbitten und anzunehmen.

Das Gebet ist kein Hineinrufen ins Leere. Es ist zuerst ein Sich-Öffnen für das Geschenk, das er gibt, das er ist. Es ist ein Sich-anstrahlen-Lassen von dieser Sonne. Es ist ein Sich-verwandeln-Lassen von ihm her. Es ist aber auch die Quelle wahrer Fruchtbarkeit für die Welt. Es ist ein Sich-hineinziehen-Lassen in die Leidenschaft Gottes für die Menschen. Und deshalb wird 24/7/365 unsere Gemeinde nicht von unserem Auftrag für unsere Mitmenschen abhalten. Das Gegenteil wird geschehen. Unsere Antwort auf seine Liebe wird noch kühner, noch gewagter, noch entschiedener, noch ausgerichteter und hoffentlich demütiger sein – weil sie getragen ist von ihm, weil sie durchdrungen ist von seinem Geist, weil sie Antwort auf seine Liebe ist und kein Betteln darum, dass wir seine Liebe erst durch unsere Leistung erkaufen müssten. Das anhaltende Gebet ist eine Absage an jegliche Form des Aktivismus, an das Denken, wir könnten schon mal schnell die Welt retten. Der Retter der Welt ist er.

P. George LC