Christentum ist kein Minimalprogramm

Gott denkt den Menschen groß. Zum Aschermittwoch wenden wir uns gegen einen religiösen „Minimalismus“, der den Menschen nur durch Regeln zähmen will. Inspiriert von Johannes Paul II. erinnert er daran: Erlösung ist keine bloße Fassade, sondern echte Verwandlung. Ein Plädoyer gegen das Mittelmaß und für den Mut zur eigenen Heiligkeit.

von | 19. Februar 2026

Minimalismus

ein Thema, das mich in letzter Zeit beschäftigt, ist das des „Minimalismus“. Letztes Wochenende habe ich versucht, darüber in der Predigt zu reflektieren. Der Minimalismus setzt dem Menschen eine Grenze. Lieber nicht zu viel vom Menschen erwarten.

Der hl. Johannes Paul II. kommentiert in seiner „Theologie des Leibes“ die von Paul
Ricoeur erwähnten drei „Meister des Verdachts“. Auch wenn dies etwas vereinfacht dargestellt ist: Marx sieht den Menschen in der Suche nach Besitztum gefangen. Freud versteht den Menschen als triebgesteuert, vor allem im Bereich des Sexuellen. Nietzsche meint, im Streben nach Macht die Erklärung für die tiefsten Beweggründe menschlichen Handelns finden zu können. Um den Menschen von sich selbst und um andere vor Übergriffen solcher Tendenzen zu schützen, bedarf es eines effektiv durchgesetzten Regelwerks, das die Auswüchse dieser Tendenzen unter Kontrolle hält

Aber was genau hat denn uns die Erlösung gebracht – vor allem in Hinblick auf die ungeordneten Neigungen, die die „Meister des Verdachts“ uns vor Augen führen?

Zuweilen trifft man unter Christen Haltungen, die jenen der „Meister des Verdachts“ nicht unähnlich sind. Die Erlösung, so würden sie es deuten, bleibt dem Menschen äußerlich. Es ist wie ein „legaler Akt“, durch den wir von Jesus als „gerecht erklärt“ werden, auch wenn sich innerlich nichts geändert hat. So wie bei einer Adoption: Der Stiefvater wird zwar rechtlich Vater, aber nicht auf einmal Blutsverwandter. Die Erlösung ändert den Menschen laut dieser Auffassung nicht von innen. Der Mensch bleibt der „Sünder“. Die Erlösung hat die „Seele“ des Menschen für die Ewigkeit gerettet, aber seine schlechten Neigungen bleiben ihm erhalten. Jesus wird zu einer Art Teppich, der über den Menschen geworfen wird, sodass, wenn Gottvater ihn anschaut, er nicht ihn sieht, sondern den „Teppich“ Jesus – und der arme Mensch bleibt genauso in seiner Sündhaftigkeit und Schwäche gefangen wie vorher.

Einer meiner Lieblingssätze in der Bibel ist 1 Joh 3,1: „Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.“ Oder, wie es im griechischen Urtext heißt: kai esmen – „wir sind es wirklich“. Wir heißen nicht nur Kinder Gottes, sondern kraft des Heiligen Geistes werden wir es. Aber nicht nur das: Dieses Leben Gottes in uns kann sich immer mehr entfalten und den Menschen ganz und gar umformen, ihn Gott ähnlicher machen. „Wir alle aber schauen mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“ (2 Kor 3,18) Ja, alles ist Gnade, aber der Herr nimmt uns so ernst, dass er uns mitmachen lässt. Der Herr möchte unsere Freiheit zu ihrer wahren Größe hin befreien. Gott denkt den Menschen groß. Sehr groß. Nicht klein.

Daher können wir das Herz mit den „Meistern des Verdachts“ nicht ständig unter Verdacht stellen. Unser Herz kann wirklich verwandelt werden. Unsere ungeordneten Neigungen können immer mehr auf das Wahre, das Gute und das Schöne hin ausgerichtet werden. Der hl. Johannes Paul II. würde erinnern: Die Erlösung ist Wahrheit, sie ist Wirklichkeit, in deren Namen sich der Mensch gerufen wissen muss – und zwar wirksam gerufen.“ Das macht das Evangelium zur „Frohen Botschaft“. Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. (2 Tim 1,7)

 

Das will sagen: Als Gemeinde wollen wir nicht zu einem Minimalprogramm des christlichen Lebens einladen. Wenn wir darüber nachdenken, wozu und wohin wir die Menschen einladen wollen, was ist dann das Ziel, das wir verfolgen? Sicherlich ist das Ziel nicht einfach, den Menschen durch von außen auferlegte Regeln „unter Kontrolle zu halten“, sodass er nicht zu viel Schaden anrichtet – sich selbst oder anderen. Sicherlich geht es auch nicht um ein „Wie weit kann ich gehen, ohne dass es Sünde ist?“.

Wir wollen den Menschen ein hohes Ideal vorstellen. Um es mit einem etwas aus der Mode geratenen Wort zu erklären und zugleich mit dem II. Vatikanum auszusprechen: Wir glauben an die universelle Berufung aller Menschen zur Heiligkeit. Wir glauben, dass der Mensch genau dazu berufen ist. Wir glauben, dass ihn die Gnade Gottes dazu ausstattet. Wir sind überzeugt, dass dies keine Utopie ist, sondern christlicher Realismus. Wir sind überzeugt, dass alles andere dem Menschen zu wenig ist, seiner Würde und seiner hohen Berufung nicht entspricht. Um noch einmal den hl. Johannes Paul II. zu zitieren:

„Ohne Umschweife sage ich vor allen anderen Dingen: Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit […] Wer die seelsorgliche Planung unter das Zeichen der Heiligkeit stellt, trifft in der Tat eine Entscheidung mit Tragweite. Damit wird die Überzeugung ausgedrückt, dass es widersinnig wäre, sich mit einem mittelmäßigen Leben zufriedenzugeben, das im Zeichen einer minimalistischen Ethik und einer oberflächlichen Religiosität geführt wird, wenn die Taufe durch die Einverleibung in Christus und die Einwohnung des Heiligen Geistes ein wahrer Eintritt in die Heiligkeit Gottes ist.
Einen Katechumenen fragen: »Möchtest du die Taufe empfangen?«, das schließt gleichzeitig die Frage ein: »Möchtest du heilig werden?«. Es bedeutet, seinen Lebensweg vom Radikalismus der Bergpredigt leiten zu lassen: »Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist« (Mt 5,48).” (Novo Millennio Ineunte, 31-32)

 

 

Fazit

Es ist Aschermittwoch. „Erinnere dich, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehren wirst.“ Der memento mori der Asche erinnert daran, dass unser Leben einmal zu Ende gehen wird. Das kann hilfreich sein, darüber nachzudenken, was ich wirklich vom Leben erwarte, welche Einladung der Herr an mein Leben richtet, was wirklich wichtig ist – und was nicht.

„Das ist es, was Gott will: eure Heiligung.“ (1 Thess 4,3) Beten wir füreinander, dass wir das auch wollen, uns danach sehnen und danach streben. Nicht als Betteln um seine Liebe, sondern als Antwort darauf. Als Antwort auf diese Liebe, die sich auf krasse Weise in der Karwoche zeigt und uns in unserem neu aufgehängten Kreuzweg vor Augen geführt wird.

Eine gesegnete Fastenzeit!
P. George