Die Exerzitien des Hl. Ignatius von Loyola

Im letzten Blogbeitrag haben wir von der Unterscheidung der Geister als einer Technik gesprochen. Dieses Mal wollen wir in derselben Richtung weiterdenken und die Frage stellen, wie diese Technik anzuwenden sei.

Eine Technik steht nicht für sich allein, sondern ist als solche immer in einer umfassenden Lehre eingebettet. Das Lernen, z.B., eines besonderen Schachzugs ist nur sinnvoll, wenn man sich auch mit dem Schachspiel im Ganzen näher befasst. Andernfalls hätte die Kenntnis eines einzigen Tricks keine Bedeutung. Im Sport, in der Musik, in der Kochkunst, im Yoga, etc., überall, wo eine Lehre zu erlernen ist, werden die einzelnen “Techniken” zwar im Einzelnen dargestellt, doch sie bilden gemeinsam ein einheitliches Handwerkzeug für ein bestimmtes zweckmäßiges Tun und könnnen auch nur in diesem ganzheitlichen Tun methodisch angeeignet werden. Wie im Schach, wiederum als Beispiel, ist die Technik, mit einem Läufer und einem Springer den gegnerischen König mattzusetzen (zugegebenermaßen ist dies ein triviales Beispiel!) für jemanden, der nur einmal in fünf Jahren Schach spielt, nur schwerlich zu vermitteln. Oder wie die Technik des Doppelgriffes im Geigenspiel, der niemals zu beherrschen ist, wenn man nur ab und zu, je nach Laune und Lust, nach der Geige greift. Eine Technik ist nur erlernbar, wenn man sich methodisch und beharrlich mit der ganzen Lehre beschäftigt, in der sie enthalten ist. So ist die Unterscheidung der Geister auch in einer umfassenderen “Lehre” enthalten, in welcher sie sich methodisch aneignen lässt. Diese Lehre, das sind die berühmten Exerzitien von Ignatius von Loyola.

Die Sinnfrage

Was sind nun diese Exerzitien von Ignatius? Wozu sind sie da? Was ist die Idee des “Exerzierens”, die dahinter steht? Die Exerzitien sind die geistlichen Übungen, die Ignatius in einer Analogie zu den körperlichen Übungen konzipiert hat. Wie die Gesundheit des Leibes durch methodische Körperübungen gefördert werden kann, so kann das Wohl der Seele auch durch methodische geistliche Übungen herbeigeführt werden. Diese ignatianische Analogie bringt eine solche Evidenz zum Ausdruck, sodass die Frage nach dem Menschen als Einheit von Leib und Seele nicht mehr so “problematisch” erscheint. Es handelt sich um den Menschen im Ganzen. Das Wohl, das Glück, ja die Glückseligkeit für den Menschen, all das kann nicht entweder nur leiblich oder nur seelisch, sondern muss leib-seelisch sein. Somit finden wir wieder den Anknüpfungspunkt zu der Sinnfrage, welche bereits letztes Mal erwähnt wurde. Denn, nunmal alle Komplexitäten der Details beiseitezulassen, ist es doch ersichtlich, dass die Sinnfrage auch nur deswegen gestellt wird, weil der Mensch nicht im Leiden, sondern im Glück, in der Freude und in Erfüllung leben und aufleben will. Ist es nicht wahr, dass man sich vor einer Berufs-, einer Partnerwahl ernsthafte Gedanken anstellt, weil man ja nicht will, dass mit dieser Wahl sein Leben ins Unglück gestürzt, sondern dass das Leben gerade dadurch ins Glück geführt wird? Die Frage nach dem Sinn ist nur eine moderne Formulierung für die Frage nach dem Glück, wie diese grundlegende philosophische Frage seit der Antike gestellt wurde. Und die ignatianischen Exerzitien bieten nun die praktischen Grundlagen dafür dar, dass diese Frage auf angemessene Weise behandelt werden kann.

Nun gelangen wir zu der dritten Teilfrage, die Idee des “Exerzierens” ansatzweise zu erörtern. (Das Wort “Idee” hier hat nichts mit den platonischen Ideen zu tun, es ist nur in einem schlichten Sinn gebraucht: “Was ist die Idee dahinter? Was meint man damit?”)

Des öfteren werden die Exerzitien in der Form einiger Klugheitsregeln dargestellt. Man schreibt ein paar Ratschläge auf, um eine gute Entscheidung zu treffen. Nun, wie oben schon dargelegt, auf diese Weise kann man diese guten Ratschläge auch nie gebrauchen! Denn die Exerzitien sind auch nicht dafür da, um Fragen wie: “Soll ich jetzt aufstehen? Soll ich jetzt essen? Soll ich heute Abend ausgehen?” zu beantworten. In Wirklichkeit kommen alle Menschen ohne einen geringsten Anflug von Spiritualität mit diesen Fragen ziemlich gut zurecht, d.h., wir wissen realtiv genau, was wir tun wollen/können/sollen, wenn die Bedürfnisse und Sorgen der Existenz sich spürbar machen. Auf die Frage: “Soll ich heute Abend mit Freunden ausgehen?” wird normalerweise nicht mit einer Theologie, sondern mit dem vorhandenen Taschengeld geantwortet.

Es geht um andere Fragen, in denen man sich einüben muss, um sie zu verstehen. Es geht in den Exerzitien von Ignatius auch nicht um eine Frage nach dem Beruf, nach dem/er Partner/in, ja nicht einmal nach einer Form der Nachfolge. Vielmehr sind die Exerzitien eine Nachfolge. Es geht um die ultime Frage, die ein Mensch in seinem Leben je stellen kann: Was will Gott von mir? Das ganze Glück des Menschen besteht in der geheimnisvollen Antwort auf diese Frage. Das Gute dabei ist, dass der Mensch sich darin einüben kann, um diese Antwort zu suchen und zu finden. Der Mensch kann ja sehr wohl an seiner Erfüllung arbeiten. Ist das nicht schon eine sehr menschenfreundliche Philosophie gegen alle Nihilismen, Fatalismen, Totalitarismen, die in der Psychologie mit dem Stichwort “Depression” bezeichnet werden? Aber warum ist diese Frage so schwierig, sodass man sich erst in ihr so lange einübt, um überhaupt eine Ahnung von überhaupt etwas zu bekommen? Bevor wir uns noch weiter beschweren, kann uns ein Blick in die üblichen Künste vielleicht gut belehren: Ohne beharrliche Übungen in guter Methode kann man keinen Erfolg im Leben erringen. Heutzutage sind gute Ratschläge wie die 10000-Stunden-Regel und dergleichen offenbar sehr bekannt und beliebt. Um wieviel mehr muss der Mensch sich in dieser Frage einüben, wo es sich nicht um irgendeinen Erfolg, sondern um seine ganze Glückseligkeit handelt? Das ist die Idee der Übung, des Exerzierens, wie Ignatius uns vermittelt will. Der Mensch übt sich in der Suche nach Gott, denn die Frage: “Was will Gott von mir?” lässt sich nicht durch Spekulationen beantworten. Man kann nicht spekulieren, was Gott von einem will. Diese Antwort kann nur Gott selbst einem geben, und zwar höchst persönlich, denn die Frage ist offenbar nur an Ihn höchst persönlich gerichtet: “Was willst Du von mir, o Herr, mein Gott, mein Schöpfer?”

Der Schwerpunkt bei Ignatius ist offensichtlich nicht die besonderen Visionen, sondern die persönliche Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer. Aber wie wir diese Übungen machen und uns auf die faszinierende Suche nach dem Willen Gottes einlassen können? Davon handelt der nächste Blog 🙂

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