1. Einführung

Was ist der Sinn des Lebens? Diese Frage scheint alle anderen praktischen Fragen zu resümieren, welche sich im Alltagsleben aufdrängen und eine klare und deutliche Antwort fordern. Denn, was für einen Beruf man ergreift, ob man den Weg der Ehe einschlägt oder die Nachfolge Christi im Priestertum bzw. im Ordensleben antreten will, all das hängt davon ab, was der Einzelne aus seinem Leben machen will. In einer ruhigen Reflexion darüber, wie man sein Leben gestalten möchte, taucht die Sinnfrage auf, übertönt die restlichen Einzelfragen und verlangt nach einer Sinnsperspektive, in der der Mensch mit Freude aufleben kann.

Was ist die “Unterscheidung der Geister”?

Die Unterscheidung der Geister, wohl eines der raffiniertesten Handwerkzeuge der Ignatianischen Spiritualität, dient dazu, die oben gestellte Sinnfrage zu behandeln. Wer sich mit diesem Thema befassen will, würde einen größeren Nutzen daraus ziehen können, wenn er sich auch von der Dynamik der Sinnfrage mitreißen lässt. Dies versteht von selbst, denn die Unterscheidung der Geister – der Ausdruck ist schon spannend genug – ist weder ein Beruhigungsmittel gegen Stress, noch will sie eine geistliche Beschönigung der Härte dieser Existenz darbieten. Sie ist eine Technik, die man anwendet, um ein Ziel zu verfolgen und es zu erreichen. Sie ist kein schönes Gebet, kein Trost, keine Aufmunterung, keine Sinngebung des Sinnlosen, keine hübsche Philosophie. Vielmehr liegt in ihr der gesamte Umfang abendländischer Philosophie verborgen. Diese Ansicht wurde übrigens auch von Prof. DDr. Matthias Beck in seinem Vortrag über dasselbe Thema im Rahmen der “Theologie vom Fass”, am 20. Januar 2015 in Wien, zustimmend erwähnt.

Wie kann man sich am effizientesten mit dieser Thematik beschäftigen?

Was für ein Ziel ist es, das man verfolgt und erreichen will? Wie schon angesprochen, es geht um die Behandlung der Sinnfrage im praktischen Kontext des alltäglichen Lebens. Solange man sich von dieser Frage noch nicht “gestört” fühlt, so ist eine gewisse Basis noch nicht hinreichend erstellt, damit die Behandlung des Themas der Unterscheidung der Geister fruchtbar sein kann. Das ist ziemlich sehr verständlich: Keiner würde sich Monate lang mit einer furchtbar schwierigen Violinetüde beschäftigen, wenn der Klang der Geige ihm keine Freude bereitet. Genauso wie in unserer Thematik hier: Man befasst sich mit dem Thema der Unterscheidung der Geister, wie Ignatius sie konzipiert hat, weil man leidenschaftlich lebt und wissen will, was der Sinn des Ganzen ist. Nun, “leidenschaftlich” meint ja nicht nur den Lebensfrohsinn, so wie dieser in einer glücklichen, erfüllten Jugend wie ein Elan für das ganze Leben geschenkt wird. Der Ausdruck will auch darauf hinweisen, dass man nun leidenschaftlich lebt, weil man genug gelitten hat und einen Weg aus dem Leiden heraus finden will. Dies kann eintreten, wenn jener Lebensfrohsinn ausgebraucht ist und weggenommen wird, ohne die Früchte für die nächste Zeit hinterlassen zu haben. Da ist man erschöpft und kann auch beginnen, die Frage zu stellen: Wozu ist das alles?! Was ist der Sinn vom Ganzen?

Kurzum, ist man hier auf der Suche und gelangt zu dieser Begegnung, in der nicht nur eine Möglichkeit zum offenen Gespräch über das Leben, die Spiritualität, sondern auch eine besondere Technik – wie oben gesagt – zur Überwältigung mancher grundsätzlichen Fragen dargeboten werden. Deswegen kann die beste Vorgehensweise in diesem Blog über die Unterscheidung der Geister erreicht werden, wenn man sich darüber im Klaren ist, wie diese spezielle Technik die eigenen, persönlichen Vorstellungen und Erwartungen ganz direkt betreffen kann. Die beste Vorgehensweise ist das persönliche Einüben in dieser Technik. Und dies ist nur möglich, wenn man die Sinnfrage nicht mehr von der Ferne betrachtet, sondern sie ganz und gar in die eigene Realität stellt und sie dort aufgehen sieht: Was ist der Sinn meines Lebens?

Ist die Beschäftigung mit dieser Thematik nur von sekundärem Belang?

Nun, ist die Einsicht über den Sinn des Lebens eine sekundäre Sache? Es kann sehr gut der Fall sein, dass man sich zu diesem genauen Zeitpunkt nicht dazu berufen fühlt, sich auf diesen Blog einzulassen. Wohl berechtigte Gründe dafür würde es zur Genüge geben. Aber die Sinnfrage an sich, wenn sie nur einmal ernsthaft und ehrlich gestellt wird, lässt sich nicht mehr verdrängen.

 Eine Einladung zum Fortfahren

Ich werde in den Blogbeiträgen (jeweils den 1. & 3. Dienstag des Monats) auf folgende Schwerpunkte eingehen:

  1. Die Sinnfrage im Licht der „Unterscheidung der Geister“
  2. Das Ignatianische Menschenbild und die „Unterscheidung der Geister“ (Ignatianische Anthropologie)
  3. Die Unterscheidung der Geister als eine spirituelle Technik (Ignatianische Psychologie)
  4. Die Anwendung der Unterscheidung der Geister (Ignatianische Mystik).

Eine herzliche Einladung an alle, die sich mit der Thematik der Unterscheidung der Geister etwas genauer befassen möchten!

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