Liebe Freunde,

Ich möchte nicht um den heißen Brei herumreden. Bei vielen von uns geht es gerade so richtig an die Substanz. Weil sie einen Verwandten haben, der an Corona gestorben ist oder selbst unter Long Covid sehr zu leiden hat. Weil sie Angst haben. Weil sie sich ausgeschlossen fühlen und sich gezwungen sehen, gegen ihr Gewissen handeln zu müssen. Weil sie nicht wissen, was sie ab dem 1. Februar machen werden oder ob sie die Arbeit niederlegen sollten. Weil sie von der Heuchelei der Christen völlig empört sind, die zwar Nächstenliebe predigen, sich aber aus purem Egoismus nicht impfen lassen. Weil ihr Vertrauen in die Institutionen erschüttert wird und sie sich zu Bürgern zweiter Klasse degradiert empfinden. Weil das Kind schon zum fünften Mal K1-Kontaktperson ist und man schon wieder gemeinsam mit vier weiteren kleinen Kindern wochenlang eingeschlossen ist und am liebsten alle Impfgegner auf den Mond schießen würde. Weil man sich zum Schweigen verurteilt fühlt, da man die eigene Meinung nicht mehr öffentlich bekunden darf, ohne gleich als fanatischer Verschwörungstheoretiker oder Rechtsradikaler gebrandmarkt zu werden. Weil man in seiner christlichen Gemeinschaft Halt und Orientierung erhofft – und Spaltung vorfindet.

Was heißt es, Jesus in dieser Zeit nachzufolgen? Jünger Jesu zu sein? Keine einfache Frage. Und die immer wieder neu kritisch hinterfragt, im Gebet errungen und im Gespräch und gemeinsamen Ringen erarbeitet werden muss. Hier fünf Punkte, die mir derzeit als Orientierung helfen – und hoffentlich auch euch und uns als Gemeinde. (1)

 

1. Der Aufruf zu einem intensivierten Gebetsleben. „Ich fürchte Menschen, die viel von Gott reden, aber wenig mit Gott reden“ ist ein Gedanke, der von Heiligen durch die Geschichte hindurch oft wiederholt wurde. Es hat mich daher gefreut, dass viele von euch bei den 3 Tagen Fasten & Gebet mitgemacht oder dass wir zum Beispiel vor Kurzem den Heilungsnachmittag abgehalten haben. „Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten.“ (Jak 5,16) „Klopft an und es wird euch geöffnet …“ „Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet!“ (Mt 7,7)

 

2. Der Ruf zur Heiligkeit: „Der Herr hat jeden von uns erwählt, damit wir in der Liebe »heilig und untadelig leben vor ihm« (Eph 1,4)“ (2). Auch und gerade in dieser Zeit sind wir alle dazu berufen, heilig zu sein bzw. heilig zu werden. Denn jeder Moment, den der Herr uns schenkt, ist gleichsam der beste Moment, um das göttliche Leben in uns zu nähren. Ein Leben aus dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe, unabhängig davon, wie die von Gott zugelassenen Umstände sind. Ein Leben, verwurzelt im Gebet und im Vertrauen, in der demütigen Zuversicht, dass Jesus Christus da ist und alles in seiner Hand hält. Ein Leben der Umkehr, der Buße und Wiedergutmachung, des Einstehens für andere. Das heißt erstmals eine bewusste Entscheidung, bei mir selbst anzufangen. Gerade gestern las man im Stundenbuch: „Halte du zuerst den Frieden; dann kannst du auch anderen Frieden bringen. – Der Friedfertige vermag mehr als der noch so Gelehrte. – Wer sich von Leidenschaften beherrschen lässt, verkehrt auch das Gute in das Böse, und leicht glaubt er das Böse … Wer fest im Frieden gründet, hat gegen niemand Argwohn. Wer dagegen erregt ist und im Unfrieden mit sich selbst, wird von vielerlei Argwohn geplagt. Er selbst hat keine Ruhe und gewährt sie auch den andern nicht. – Oft sagt er, was er nicht sagen dürfte, und unterlässt, was er tun sollte. – Er bedenkt, was andere tun müssten, aber er achtet nicht darauf, was er selber zu tun hätte. – Ereifere dich zuerst über dich selbst; nachher magst du dich über deinen Nächsten ereifern.“ (Thomas von Kempen)

 

3. Die Evangelisierung hat Vorrang und die Mission steht im Fokus – immer und auch unter den aktuellen Umständen. Die Welt braucht Christus mehr denn je! Die natürliche Reaktion in Zeiten der Herausforderung kann sein, sich in sich selbst zu verschließen, zu schauen, dass man irgendwie zurechtkommt. Die übernatürliche Reaktion einer im Glauben reifenden Gemeinde muss sein: Was kann ich tun, um bei dir zu stehen, dir zu helfen, dich zu unterstützen? Evangelisieren ist vor allem die vorbehaltslose Liebe des Herrn zu bezeugen und zu vergegenwärtigen. Aber „wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündet?“ (Röm 10,14) Ich habe soeben einen Instagram-Post von Andy Stanley, Gründer der „Northpoint Community Church“ in Atlanta, gelesen. Darauf steht: „Wenn du einen der 3 „NICHT“ hörst … NICHT in der Kirche, es geht mir NICHT gut, ich bin NICHT darauf vorbereitet … dann sag: Komm, setz dich neben mir.“ North Point ist eine der am schnellsten wachsenden christlichen Gemeinden in den USA. Von deren einfachen Missionsstrategie haben wir unser Mantra „Invest & Invite“ (investiere in deinen Beziehungen und lad jemanden ein). Das kann nämlich jeder. Dafür braucht man keinen Missionskurs und auch nicht auf die Straße gehen und wildfremde Leute ansprechen. Aber es bedarf eines liebenden Herzens, das darum weiß: Jesus ist die Antwort auf die tiefsten Sorgen und auf das Suchen der Menschen. Wenn wir nicht heute eine evangelisierende Gemeinde werden, wenn wir nicht heute den Schrei der Menschen nach Gott hören, wann sonst?

 

4. Die Sakramente, insbesondere die Feier der hl. Messe, die Krankensalbung und das Sakrament der Versöhnung verstehen wir als Teil wesentlicher „Daseinsvorsorge“ für jeden Menschen (3). Gerade in Krisenzeiten müssen Gotteshäuser zum privaten und zum gemeinschaftlichen Gebet weit geöffnet sein, damit die Menschen Zuflucht bei Gott finden, von dem alle Hilfe kommt. Jesus ist in der Eucharistie die „Medizin der Unsterblichkeit“ (Ignatius von Antiochia, 2. Jh.). Daraus folgt:

  • Alle Menschen sollen Zugang zu den Sakramenten und zu den Kirchen und Kapellen haben. Dies wollen wir unter Berücksichtigung der jeweiligen kirchlichen Vorgaben auch weiter bei uns ermöglichen.
  • Bei anderen Angeboten, wie z.B. Alphakursen, Liebe Leben, BeFree Winter-Weekend usw. halten wir uns an die dafür erlassenen kirchlichen bzw. staatlichen Vorgaben.

 

5. Achten wir auf die Freiheit des Gewissens und die Bedeutung moralischer Bewertungen insbesondere durch die Kirche (4). Das heißt:

  • Die Frage des Impfens oder Nicht-Impfens ist keine „Glaubensfrage“ (5), sondern des klugen Ermessens. Auch Katholiken können daher unterschiedlicher Meinung sein und sollen sich in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen.
  • Das moralische Urteil der Kirche über Maßnahmen zur Bekämpfung von ansteckenden Krankheiten basiert auch auf Sachverhalten und derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Diese können sich ändern. Daher gibt es in diesem Bereich keine unfehlbaren Aussagen des kirchlichen Lehramts zu konkreten Einzelfragen. Wir sind aufgerufen, mit Glauben, Vernunft und weisen Ratgebern nach Licht für unsere Entscheidungen zu suchen und dann unserem Gewissen zu folgen.
  • Unser Handeln als Gemeinde orientiert sich am Wohl jedes Einzelnen, der christlichen Solidarität und der Verantwortung füreinander.
  • Wir begegnen uns stets mit Wertschätzung und Respekt. Niemand ist beim Thema Corona im vollen Besitz der Wahrheit. Wir achten die Würde jedes Menschen, vermeiden Unterstellungen und schätzen das Wahre und Gute in anderen Meinungen.

 

Wichtig ist, dass wir in allem die Einheit und den inneren Frieden bewahren, denn „alle Mühen und Beschwerden sind wahrlich zu ertragen, wenn Friede in unserer Seele wohnt“ (hl. Teresa von Ávila). Das ist auch möglich, wenn Menschen verschiedene Meinungen haben und unterschiedliche Entscheidungen treffen. Der Apostel Paulus ermahnt uns: „Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung!“ (1 Kor 1,10).

Suchen wir weiterhin nach vielfältigen kreativen Initiativen, um aktiv die physischen, psychischen und geistlichen Nöte der Menschen in den Blick zu nehmen! Beten wir für alle Kranken, aber auch für die Bischöfe, Wissenschaftler, Ärzte und Politiker, und für jene, die im Zusammenhang mit Corona ernsthaft erkrankt oder verstorben sind.

Euch wünsche ich eine gesegnete Adventszeit! Wenn ihr Gesprächsbedarf, Fragen, Anregungen habt, bitte gerne,

im Gebet,

P. George LC

Titelfoto: Shutterstock, Olivier Le Moal

Fußnoten:

(1) Diese Ideen entstammen einem Schreiben der Leitung der Regnum Christi Föderation in Zentraleuropa an deren Mitglieder, an dem ich mitwirken durfte. Ich habe sie etwas angepasst und erweitert.

(2) Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben „Gaudete et exsultate“, 19. März 2018, Nr. 1.

 (3) Vgl. Weisungen des Erzbistums Freiburg in Bezug auf die Corona-Pandemie, konkret zur Frage nach den sogenannten 2G/3G-Gottesdiensten: https://kurzelinks.de/fr2x

 (4) Vgl. „Note über die Moralität des Gebrauchs einiger Impfungen gegen Covid-19“ der Kongregation für die Glaubenslehre vom 17. Dezember 2020, insbesondere Nr. 5 (siehe: https://kurzelinks.de/9mbg).

 (5) So u.a. Kurienerzbischof Georg Gänswein im Interview am 30. November 2021 in der „Tagespost“ (siehe: https://kurzelinks.de/n2mb ). 

 

Anhang

Eine kleine Auswahl hilfreicher geistlicher Impulse in dieser außergewöhnlichen Zeit:

  • Moral reflections on vaccines prepared from cells derived from aborted human foetuses” der „Pontificia Academia Pro Vita”, vom Juni 2005 (englisch).(6)
  • „Instruktion Dignitas Personae – Über einige Fragen der Bioethik“, Grundlagentext der Kongregation für die Glaubenslehre zu bioethischen Themen aus dem Jahr 2008.(7)
  • „Note über die Moralität des Gebrauchs einiger Impfungen gegen Covid-19“ der Kongregation für die Glaubenslehre, vom 21. Dezember 2020.(8) Im 5. Absatz nimmt diese auch Stellung zur Frage, ob eine „moralische Pflicht“ zur Impfung besteht.
  • „Wie weit zu gehen bin ich bereit?“ (9) Zum Christkönigsfest dieses Jahres schrieb ich am 17. November 2021 über den Zusammenhang zwischen Christkönig, Christi Kreuz, Freiheit, Ewigkeit und der aktuellen Corona-Situation.
  • „Krisenzeit – wie damit umgehen?“ (10) Über Ratlosigkeit, Angst, Kräfte des Himmels (vgl. Lk 21,25-56) und die Frage, worauf ich meine Sicherheit baue, schrieb ich am 30. November. – In Form einer Predigt sprach ich über das gleiche Thema am 29. November 2021, veröffentlicht auf YouTube. (11)
  • Die Theodizee-Frage: Warum erlaubt Gott Leid und Schmerz?“, Interview mit Prof. DDr. Hanna-Barbara Gerl-F