Die Predigt könnt ihr hier nachhören:

Lass mein Leben nicht scheitern … ich erhebe meine Seele zu dir! (Vgl. Ps 25,2) Wenn am 1. Advent jemand in einen katholischen Gottesdienst geht, werden es genau diese Worte sein, die er vor allen anderen Worten hören wird. Mit diesem Hilfeschrei beginnt die Adventszeit: Lass mein Leben nicht scheitern!

Der Autor dieses Psalms merkt in seinem Inneren: Das Leben, das kann sehr wohl scheitern. Er ist nicht oberflächlich unterwegs. Er realisiert das ganze Drama menschlichen Lebens. Und irgendwie merkt er, dass er mit diesem Scheitern auch selbst etwas zu tun haben könnte. Paradoxerweise ist es das Letzte, was er eigentlich will. Aber er ist sich auch seiner Unzulänglichkeit und Schwäche bewusst. Er realisiert: Alleine schaffe ich das nicht. „Ich brauche, oh Gott, deine Hilfe! Deswegen rufe ich zu dir: Lass mich nicht scheitern!“ Zugleich merkt er, dass das Scheitern oder Nicht-Scheitern mit den eigenen Entscheidungen zu tun hat, aber eben nicht nur. Und dass er deswegen so sehr der Hilfe bedarf, die er auch irgendwie realisiert, aber nicht selbst machen, sondern ihm nur geschenkt werden kann.

Lass mich nicht scheitern!

Er weiß also, dass es eine Form des Scheiterns gibt, wovor er sich nicht einfach selbst retten kann. Dass er da sehr wohl einer Hilfe bedarf. Er ist sich bewusst, dass sich die Angst des Scheiterns zugleich auf das Bewusstsein der eigenen Unfähigkeit bezieht. Und zwar die Unfähigkeit in Bezug auf die Herausforderung, das Leben ganz alleine meistern zu können. Und schließlich ist ihm aber auch bewusst, dass das „Nicht-Scheitern“ etwas mit dem „Erheben der Seele zu dir“ zu tun hat, mit dem „Look up, child“ zu ihm, der unsere Freiheit befreit und beflügelt, sodass der Mensch seine höchste Bestimmung erreichen kann.

„Lass mein Leben nicht scheitern!“ Die Kühe auf unserer Ranch in Kanada hatten solche Ängste nicht. Aber auch nicht solche Hoffnungen, nicht solche Sehnsüchte. Gerade hier zeigt sich eine Grundintuition des Christlichen. Und zwar, dass der Mensch nicht einfach ein Unfall der Natur ist, der in sich Sehnsüchte trägt, die er am besten ausschaltet, wenn er glücklich werden will. Noch dass er versuchen sollte, die Löcher im Herzen mit Dingen vollzustopfen, die kurzfristig seinen Durst stillen, aber dann noch elender zurücklassen als vorher. Dass er nicht einen Ewigkeitswert aus Dingen herauszuquetschen versuchen sollte, die keinen Ewigkeitswert haben. Also, dass Mick Jagger nach 5000 Frauen bei Nummer 5001 immer noch singen wird: „I can´t get no satisfaction“.

Ich möchte hier drei Schritte des Hinaufschauens vorstellen, die es immer wieder zu gehen gilt, wenn man sich in einer Sackgasse befindet: Aufwachen, größer denken, das Vertrauen wagen.

  1. Wach auf.
  2. Denk größer.
  3. Wage das Vertrauen.

1. WACH AUF

„Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf“. (Röm 13,11)

Jesus wirft den Leuten im Evangelium nicht vor, dass sie irgendwie schlechte Menschen waren, sondern dass sie „nichts ahnten.“ (Mt 24,39) Wie geschieht so etwas? Wie vergisst man, worum es eigentlich im Leben geht? Warum man auf der Erde ist? Ich glaube, das ist gar nicht zu schwer. So ziemlich alles kann einen davon abhalten. Angefangen mit der schlaflosen Nacht, dem schnellen Frühstück, dem Prüfungsstress, den Windeln, dem Jahresabschluss, dem zu unterschreibenden Vertrag, dem Besuch beim Arzt. Das, was vor unserer Nase ist, erhält unsere Aufmerksamkeit. Man sieht vor lauter Wald die Bäume nicht mehr.

Ist es nicht interessant, dass in uns überhaupt ein Bewusstsein ist, dass das Leben sehr wohl „scheitern“ könnte? Die Kuh auf unsere Ranch hatte keine Angststörung, dass ihr Leben wohlmöglich scheitern könnte. Es wäre ihr nicht in den Sinn gekommen. Nicht nur das. Es gab in ihr keine Kräfte, die sie zu Selbstzerstörung tendieren ließen. Selbstzerstörung ist übrigens das, was der Christ mit dem Wort Sünde meint. Es ist ein Begriff, der aus dem Bogenschießen kommt. Die Zielscheibe zu verfehlen. Am Leben vorbeizuleben.

Die größte Tragödie des Menschen würde demnach darin bestehen, nicht hoch genug zu zielen, oder überhaupt nicht zu zielen, sich einfach gehen zu lassen, nicht einmal zu versuchen, sein volles Potenzial auszuschöpfen. Eine Raupe zu bleiben, wenn man ein Schmetterling werden könnte. Wie ein Huhn leben, wenn man wie ein Adler fliegen könnte. Sich in einer Pfütze baden, wenn man für das Meer geschaffen ist.

Und warum ist das so ein Problem? Weil man ja im tiefsten Inneren weiß, dass die Pfütze einen niemals erfüllen könnte. Aber man kann diesen inneren Widerspruch nicht aushalten. Also, entweder man versucht sein Leben wieder in Einklang mit seinem Ideal zu bringen oder man zerstört das Ideal. Ein gescheitertes Leben beginnt genau dort.

Das ist im Grunde genommen die Kain-und-Abel-Geschichte. Kain bringt seinen Bruder Abel um, weil Abel ihm einen Spiegel vorgehalten hat, was er eigentlich sein könnte, aber zu stolz war, das einzugestehen. Und was macht er? Er zerstört das, was ihn an sein Ideal und an sein tiefstes Ich erinnert, er bringt seinen Bruder um. Und wohin geht die Reise, wenn du dein Ideal zerstörst?

Ein gescheitertes Leben beginnt genau dort. Ja, der Mensch ist zu unfassbar Großem fähig. Ja, er kann Mutter Teresa von Kalkutta heißen, er kann aber auch Adolf Hitler werden. Ja, er kein ein Engel sein, aber auch zum Teufel-Dasein hinabsteigen. Und wenn er das nicht glaubt, dann kennt er sich noch nicht gut genug. Er vergisst, dass es in ihm Kräfte gibt, die ihn nach unten ziehen. Das Hinaufsteigen geschieht nicht automatisch, das Hinunterfallen passiert von selbst. Frag´ mal einen Süchtigen, sein Leben in einigen Jahren mit all den grausamen Details zu beschreiben, wenn er sich einfach gehen hat lassen.

2. DENK GRÖSSER.

Jetzt haben wir darüber nachgedacht, wie ein Leben scheitern kann. Aber wie sieht ein gelungenes Leben aus? „Legt den Herrn Jesus an“. (Röm 13,14) Wenn du noch nicht im Glauben unterwegs bist, versuch das erstmal psychologisch zu sehen. Jesus drückt die höchste Form des Ideals aus. Demnach würde Paulus sagen: Ziele so hoch, wie du auch nur kannst und tue alles, was möglich ist, um dieses Ziel zu erreichen.

Ein gelungenes Leben hat mit einer ganz bewussten Entscheidung zu tun, nach oben zu schauen, nach oben zu zielen, und dann dieses Ziel auch wirklich zu verfolgen. „Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis“. Oder anders: Schau nicht nur auf den Tannenwipfel, sondern auf den Berggipfel. Schau hoch genug. Ziele hoch genug. Du musst dorthin schauen, wo du treffen willst. Du musst dort hinschauen, wo du hinkommen möchtest. Aber wer weiß, was „hoch“ wirklich bedeutet? Wer weiß, wozu der Mensch fähig ist? „Wie hoch kann er gehen? Keine Ahnung, aber wenig ist es nicht. In der Bibel heißt es: „Durch die mächtige Kraft, die in uns wirkt, kann Gott unendlich viel mehr tun, als wir je erbitten oder uns ausdenken können“.

Die Einladung an mich selbst und auch an euch: Probieren wir es doch mal aus. Wie würde die Welt dann ausschauen?

Es ist ein Grundprinzip des Christlichen, dass menschliche Vollkommenheit im Gehen eines Weges besteht, also nicht nur über etwas nachzudenken oder an etwas zu glauben, sondern auch wirklich zu gehen. In der Frühkirche sprachen die Christen deswegen von ihrem Glauben einfach als „den Weg“.

Man kann nicht wirklich wissen, was „legt den Herrn Jesus an“ heißt, wenn man ihn nicht anlegt. Ich kann versuchen zu erklären, was kanadischer Boutin ist, besonders mit cheese curds, aber es wird dir wenig sagen, bis du mal hineingebissen hast. Das eigene Potenzial erreicht man nicht, indem man einfach darüber nachdenkt oder Bücher darüber liest. Sondern indem man versucht, es wirklich zu erreichen. Aber das wird helfen, anders zu sehen. Mich selbst. Die Welt. Aber eben auch Gott. Ich kann endlose Diskussionen führen, ob es Gott gibt oder auch nicht, aber wirklich beantwortet sich diese Frage erst dann, wenn man beginnt, sich auf einen Weg mit ihm einzulassen.

Schaue weit genug hinauf. Die Berufung des Menschen ist nichts weniger als seine Vergöttlichung. Gib dich nicht zufrieden mit halben Sachen. Dümple nicht durch das Leben. Theresa von Avila sagte einmal: Wenn wir einen Menschen sehen würden, wie er wirklich vor Gott dasteht, wenn er in Freundschaft mit ihm lebt, dann hätten wir die Versuchung, diesen Menschen anzubeten.

Für den Christen geht es nicht um ein Hinaufstreben zu Gott als höchstem Ideal, sondern ein Hinaufstreben zu einer Wirklichkeit, die nicht etwas, sondern jemand ist, und dieser Gott will mit mir in Beziehung treten, will mir helfen hinaufzugehen, möchte mich zur Freiheit befreien und beflügeln, sodass sie ihre höchste Bestimmung erreichen kann. „Look up, child“.

Das heißt eben aber auch: Versuch nicht, Ewigkeitswert aus Dingen zu quetschen, die nicht ewig sind. Die dich frustrieren oder sogar verletzt zurücklassen. Ein Haufen Elend. Folge deinen tiefsten Sehnsüchten (die gemäß Johannes Paul II. genau richtig sind). Aber gib dich nicht einfach deinen Juckreizen hin. Geh tief genug, wenn du nach deinen Sehnsüchten gräbst: „Der Mensch ist das Wesen, das aus den Tiefen Gottes hervorkommt und der in sich eine solche Tiefe birgt, die nur Gott zu füllen vermag.“ (Johannes Paul II.)

3. WAGE DAS VERTRAUEN.

Es gibt die Geschichte eines Mannes, der mitten in einer kalten Nacht an einem Baumstamm an einer Klippe hängt, nach oben schaut und um Hilfe schreit. Er schreit lauter. Keine Antwort. Lauter. Immer noch niemand. Er ist nicht gläubig. Aber drei Stunden später beginnt er zu beten. Stille. „Gott! Ich bin bereit alles zu tun was du sagst, aber bitte hilf mir!“ Keine Antwort. Eine weitere Stunde später: „Gott! Wirklich, alles, ich bin bereit wirklich dein Wort zu hören, zu vertrauen und zu folgen, aber hilf!“ Endlich. Eine tiefe Stimme erschallt aus den Höhen: „Bist du wirklich bereit, alles zu tun?“ „Ja!!! Alles, Herr! Kein Scherz. Wirklich alles! Aber bitte hilf mir!“ Wieder ertönt die tiefe Stimme: „Dann lass los!“ Schweigen. Eine Stunde später: „Gibt es da oben noch jemand?“ Die Legende erzählt, die Bergwache habe diesen Mann am nächsten Tag 50 cm über den Boden eingefroren gefunden. Wenn er nur vertraut hätte!

Beziehung bringt immer Risiko mit sich. Mit Gott ist das noch eine andere Liga. Vertrauen heißt, Kontrolle ein wenig loszulassen. Aber gerade so entsteht die Erfahrung von größter Freiheit und zugleich tiefster Geborgenheit: Ich bin in seiner Hand. Er lässt mich nicht fallen.

Gott will uns auf ein Abenteuer einladen. Ihr kennt vielleicht die Geschichte von Petrus, der auf dem Wasser geht. Aber nur so lange dort gehen kann, wie er auf Jesus schaut. Sobald er auf die Wellen, auf den Sturm, auf das „Das kann nicht gut ausgehen“ schaut, ist er schon verloren. Er beginnt unterzugehen. Dann schaut er erneut auf Jesus und schreit um Hilfe. Das ist die Lösung. Seinem Blick zu begegnen. Diesem Blick nicht zu weichen. Vielleicht habe ich davor Angst, vielleicht weiß ich noch gar nicht, ob ich überhaupt an ihn glaube. Jesus möchte uns im Evangelium erinnern: Du bist geschaffen für eine Beziehung mit der unendlichen Liebe in Person. Er lädt uns in der Bibelstelle, die wir gehört haben, ein, sich auf das Abenteuer mit ihm einzulassen, sich von ihm „mitnehmen zu lassen“ auf eine Reise, bei der wir nicht wissen, wohin sie führen wird. Aber wo eines sicher ist: Der Weg mit ihm lässt nicht scheitern.

Manchmal macht das Angst, weil man denkt: Mit Gott gehen heißt seine eigene Freiheit aufgeben. Aber dem ist nicht so. Im Gegenteil. Freiheit realisiert sich in der Entscheidung, nicht indem ich mir alle Möglichkeiten offenhalte. Wie befreiend kann es sein, wenn ich mich endlich für eine Richtung entscheide (zB welches Studium, welchen Partner, welchen Job, welches Restaurant heute Abend, wohin der Urlaub führt). Nur: Nicht jede Entscheidung befreit. Ich kann vom Stephansdom herunterspringen und durch eine freie Entscheidung werde ich meine Freiheit außer Kraft gesetzt haben. Weil ich tot sein werde. Die Entscheidung, um zu befreien, muss auch wirklich gut für mich sein, mir helfen, eine bessere Version meiner selbst zu werden. Das, was das den Menschen am meisten verwirklicht und daher gut für ihn ist, ist die Liebe – und je größer diese Liebesbeziehung, desto größer die Befreiung. Mehr noch. Letztlich ist das, was ihn erfüllt, das Einzige, was ihn zu erfüllen fähig ist, die unendliche Liebe selbst. Alles andere ist ihm zu wenig. Und daher ist der Christ überzeugt, dass es keine größere Freiheit gibt als die Entscheidung für Gott, der die Liebe in Person ist, die Beziehung mit ihm, sich von ihm lieben zu lassen und diese Liebe zu erwidern. „Der Mensch sehnt sich mehr nach Liebe als nach Freiheit. Freiheit ist das Mittel, Liebe das Ziel.“ (Johannes Paul II.)

Der heilige John Henry Newman schrieb einmal ein Gebet: „Herr, ich bitte dich nicht darum, dass du mir den ganzen Weg zeigst, aber bitte zeig mir den nächsten Schritt.“

Vielleicht ist dir dieses ganze Christen-Ding noch zu weit weg. Das ist okay. Die Einladung heute Abend ist einfach mal, einen Schritt zu wagen. Einmal etwas Neues auszuprobieren. Hinaufzuschauen. Dich von ihm anschauen zu lassen. Sich lieben lassen. Den Blick erwidern.  Wie könnte das konkret ausschauen?

Heute Abend gibt es dafür mehrere Möglichkeiten. Für sich hier vorne beten zu lassen. Oder mal hinauf in den „Shut up Raum!“ zu gehen. Dort gibt es die Möglichkeit zur Ruhe zu kommen, über das hier Erlebte zu reflektieren. Vielleicht eine Bibelstelle zu ziehen. Oder mit jemand vom Team eine Aussprache zu suchen oder zu beichten. Oben stehen auch einige Gebetsteams bereit, solltest du für dich dort beten lassen wollen. Aber es gibt auch den Adventkalender. Dort werden Vorschläge dargestellt, wie man die drei Schritte des Hinaufschauens „Wach auf, denke größer, wage das Vertrauen“ im Alltag umsetzen kann. Vielleicht gibt es im Kalender Dinge, wo du meinst, diesen Schritt kann ich nicht oder will ich noch nicht machen, das ist ganz ok. Aber ich möchte dich einladen, die Schritte, die du gehen kannst und eigentlich gerne würdest, auch wirklich mal auszuprobieren.

Lass mein Leben nicht scheitern! Look up, child! Wake up, think bigger, dare to trust. Amen.